„Sartana: Noch warm und schon Sand drauf“ oder: Wie auch mein Mann sich in Stefan Kaminski verliebte

Es gibt so Abende, die sind völlig unerwartet perfekt, obwohl drumherum nichts, aber auch gar nichts in Ordnung ist. Wo du gestresst und müde zu einer Veranstaltung gehst und viel lieber zuhause geblieben wärest, aber die Tickets waren eben teuer – und auf einmal dreht sich alles in die richtige Richtung und alles wird wunderbar. Solche Abende sind selten und kostbar ohne Ende.

So ein Abend war vorgestern.

Ich schleppe mich nach einer wahnsinnigen Woche samt Gatte um 20h ins WDR-Funkhaus in Köln zu „Sartana – noch warm und schon Sand drauf“ mit Bela B, Oliver Rohrbeck, Stefan Kaminski, Peta Devlin und der Band Smokestack Lightnin‘. Die Tickets habe ich aus einer spontanen Laune heraus irgendwann im Winter gekauft, weil ich Stefan Kaminski so toll finde, aber jetzt bin ich doch skeptisch: Ein Spaghetti-Western? Als Hörspiel? Mit Bela B von den „Ärzten“ als Hauptperson? (Für die Akten: ein paar Songs von den Ärzten finde ich gut, aber das war’s dann auch schon, und Bela B sagte mir bisher gar nix)

Mein Mann hat noch viel weniger (also gar keine) Ahnung, worauf er sich einlässt, und ich erkläre hastig: Heute Abend wird das zum Hörspiel abgewandelte deutsche Synchronscript eines (mir unbekannten) Italo-Trash-Westerns als Live-Performance inklusive Songs, Sprechern und Geräuschemacher aufgeführt. Dazu gibt’s Comic-Illustrationen auf einer Leinwand. Aha. Mein Mann starrt mich verwirrt an.

Und was soll ich sagen? Von dem Moment an, wo im holzgetäfelten Saal das Licht ausgeht, geschieht das Wunderbare: Eine ultra-coole Band in Cowboyhüten stimmt Ennio Morricone-würdigen Sound an, und Bela B samt Companeros fackeln mit einer genial irrwitzigen Performance die Bühne ab.

Bela B, in kompletter Revolverheld-Montur, ist vielleicht nicht der begabteste Schauspieler. Aber das macht irgendwie gar nichts. Die Retro-Kalauer des Hörspiels funktionieren vielleicht gerade deswegen so gut, weil sie so fake klingen – wie damals eben, als man noch „zum Bleistift“ sagte, von „Gesichtsmatratzen“ statt Bärten sprach und statt Kugeln „Bohnen“ aus dem „Fleischlocher“ abgefeuert wurden.

An Bela B’s Seite: Peta Devlin, die Amazone des Abends, letzte Front des Feminismus. Sie stemmt sich der völligen politischen Unkorrektheit des Scripts entgegen und steuert mit Bela B nette Songs ein, gewandet in ein Western-Kleid mit monströsem Reifrock. Souveräne Frau.

Ebenfalls mit von der Partie: Oliver Rohrbeck. Als waschechtes Kassettenkind, das noch mit den gelben Originalkassetten der „Drei ???“ groß geworden ist, denkt mein Kopf natürlich sofort „Oh mein Gott, Justus Jonas steht vor mir!“. Allerdings lässt Oliver Rohrbeck den Kinderdetektiv schnell vergessen und wird stattdessen zum am schönsten sterbenden Cowboy des Abends. Ich habe nicht genau mitgezählt, aber Bela B alias „Sartana“ erschießt ihn ungefähr 57 Mal während des Stücks, und Rohrbeck röchelt, stöhnt und sackt auf seinem Stuhl melodramatisch zusammen, dass es eine Freude ist.

Und dann ist da Stefan Kaminski. Oder vielmehr: dann sind da Stefan Kaminski! Ich weiß ja schon aus zahlreichen Hörbüchern und den DVDs zum „Ring des Nibelungen“, dass er eine unfassbare Vielfalt an Stimmen in sich trägt. Herrgott, in ihm steckt ein Sprecherensemble von der Bevölkerungsgröße einer mittleren Großstadt. Plus Haustieren, Fantasiewesen und Aliens.

Kaminski ist bei „Sartana“ für diverse Nebenrollen sowie die Geräusche zuständig – und stiehlt allen anderen damit die Show. (Das bilde ich mir nicht nur ein; der tosendste Applaus am Schluss gehört ihm.) Auf einem Hocker, umgeben von einem Sammelsurium an Requisiten, die Füße in einer splittgefüllten Kiste, verwandelt sich Kaminski übergangslos in die besten Charaktere des Abends: einen geifernden Bestatter, eine augenklimpernde Saloondame, einen Konfuzius zitierenden Chinesen mit „Marmeladenglastenor“ sowie in diverse Krähen, Präriehunde und Pferde.

Er macht das nicht nur mit der Stimme. Gestik, Mimik und Körpersprache schwingen in einem Moment von feminin zu maskulin, von süß zu bedrohlich. Und nebenbei trippeln seine Füße in der Splittbox herum, rasselt er mit Schlüsselketten und Vorhangstangen, klimpert mit Tassen, Flaschen und einem Schirmständer, zerreißt Stoff, haut mit leuchtenden Sticks auf e-Drums und wurschtelt scheppernd mit einem Stoffsack unsichtbaren Inhalts herum. Wahnsinn.

Dass Kaminski – wie alle anderen auch – dabei ein oder zweimal die Textzeile verliert und für besonders lustige Improvisationsmomente sorgt, ist einfach nur entzückend. Wer so mit vollem Körpereinsatz performed, dem segeln eben schon mal die Textblätter herunter. Oder er fällt in einer besonders dramatischen Shoot-out Szene scheppernd rückwärts vom Hocker. (Woraufhin Oliver Rohrbeck ruft : „Lassen Sie mich durch – ich bin Arzt!“, dann Bela B anguckt und sagt: „Ach nee, du bist ja Arzt.“ Höhöhö…).

Neben mir ist mein Gatte inzwischen von faszinierter Sprachlosigkeit zum unverhohlenen Fangirlen gewechselt. Über die Show im Allgemeinen und Kaminski im Besonderen. Sowas hat er noch nicht erlebt. Er starrt, er lacht, er pfeift und johlt. Und macht mich damit glücklich. Wir sind so verschieden, aber die entscheidenden Dinge lieben wir gemeinsam. So wie das hier.

Als der Zauber dann nach fast drei Stunden zu Ende ist und sich das Ensemble verbeugt, ernten alle jubelnden Applaus, der bei Stefan Kaminski verdientermaßen am lautesten ausfällt. Was für eine geniale Vorführung, was für eine sympathische Truppe, und was für ein Stefan Kaminski! „Der Mann, der niemals alleine schläft“, wie Bela B ihn vorgestellt hat. Kann er ja auch gar nicht. Selbst mit sich allein ist der doch immer mindestens zu zwölft.

Wie gesagt: Es war kostbar.

Infos:

Die „Sartana“-Tour hat am 30.3. in Köln vorerst geendet. Weiter geht’s dann erst im Dezember in Berlin. Tickets gibt’s hier.

Mehr über Stefan Kaminski erfahrt ihr auf seiner Website Kaminski On Air.

 

 

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