Rezension: „Memory Man“ (Amos Decker #1) von David Baldacci

Memory Man von David BaldacciTitel: Memory Man
Autor: David Baldacci
Serie: Amos Decker #1
Format: Hörbuch
Sprache: Deutsch
Sprecher: Dietmar Wunder
Verlag: Random House Audio Deutschland
erschienen: 28.10.2016
Länge: 13:29 Std., ungekürzt

Das Hörbuch ist als Download bei audible.de erhältlich, und zwar HIER. Es kostet im Flexi-Abo € 9,95 (regulärer Preis € 25,95). Eine Hörprobe findet ihr ebenfalls auf der Produktseite von Audible.

Inhaltsangabe:

Seit einem Unfall kann Amos Decker nichts mehr vergessen. So ist er der perfekte Ermittler. Bis seine Familie ermordet wird und er unter der Bilderflut fast zerbricht. Ein Jahr später bekennt sich ein Mann zu der Tat. Noch während Decker feststellt, dass er lügt, findet erneut ein Massaker statt: Diesmal an Deckers alter Schule. Wurden die Verbrechen begangen, um ihn zu treffen? Wird es Decker gelingen, den Wahnsinn zu stoppen?

Zum Hörbuch:

(Achtung: Im Gegensatz zu meinem üblichen Vorgehen enthält diese Rezension ein paar leichte Spoiler. Ansonsten hätte ich meine Bewertung nicht ausreichend begründen können.)

Der Mann und ich haben eine lange Autofahrt vor uns, und wir brauchen ein Hörbuch, das uns beiden gefällt. Er hört fast nur Thriller, ich hatte letztens Teil 1 der John Puller-Reihe von David Baldacci ganz gut überstanden, und wir beide mögen Dietmar Wunder als Sprecher. Also greife ich zur neuen Baldacci-Serie: Amos Decker.

Der Auftakt: Amos Decker’s Leben zerbricht

„Memory Man“ beginnt dramatisch und – für die Hauptfigur Amos Decker – endlos traumatisierend: Als der Polizist von der Arbeit nach Hause kommet, findet er dort seine ermordete Familie vor. Mit dem Anblick seiner erwürgten kleinen Tochter konfrontiert, steckt er sich seine Dienstpistole in den Mund und bringt sich um ein Haar selbst um.

Zeitsprung. Decker, der nach dem Verlust seiner Familie seinen Job verloren und eine Weile auf der Straße gelebt hat, hält sich inzwischen als privater Ermittler über Wasser und lebt in einem schäbigen Hotel. Dann geschehen zwei Dinge: an einer Highschool begeht ein Unbekannter ein Massaker. Gleichzeitig taucht bei der örtlichen Polizei ein Mann auf, der behauptet, der Mörder von Decker’s Familie zu sein. Amos Decker mischt sich natürlich in die Ermittlungen ein.

Hörprobe von „Memory Man“, Random House Audio

Amos Decker, der wandelnde Festplattenrekorder

Neben dem Fall, der sich jetzt zweispurig abspielt, bis die Fäden sich am Ende verknüpfen, geht es vor allem um den mit besonderen geistigen Fähigkeiten ausgestatteten Amos. Seit einem Sportunfall hat er ein unfehlbares Gedächtnis und vergisst nichts mehr – nichts, was er gesehen, gelesen oder sonstwie erfahren hat. Praktisch für einen Ermittler, ja. Extrem belastend aber, wenn sich auch die Bilder der ermordeten Ehefrau und Tochter sowie alle anderen traumatischen Ereignisse unauslöschlich ins Hirn gebrannt haben. Zumal die Kopfverletzung bei Amos auch noch Synästhesie ausgelöst hat: Bei ihm verknüpfen sich Sinneswahrnehmungen zu ungewöhnlichen Effekten: Er sieht Menschen oder Dinge in bestimmten Farben, je nach Charakter oder der ausgelösten Emotion. Farben verknüpfen sich bei ihm dazu noch mit Ziffern. Manchmal lösen gefährliche Situationen auch Halluzinationen aus.

Das macht Amos interessant, klar. Absolut faszinierend. Was mir aber auf die Nerven geht, ist die mehrfache Erklärung seiner neurologischen Besonderheit. Baldacci reitet immer wieder darauf herum, als ich es schon fünfmal verstanden habe. Er redet immer von Amos‘ „innerem Festplattenrekorder“, und alleine die Bezeichnung geht einem irgendwann auf den Senkel. Wir haben es verstanden! Dazu wirft er zwischendurch Amos‘ Fähigkeiten auch noch mit Autismus, speziell mit dem Asperger-Syndrom in einen Topf, und verstreut die Fehlinformation, Asperger könne durch eine Kopfverletzung entstehen. Das ist ganz einfach Unsinn, und es regt mich auf. Wie immer, wenn ein Autor seine Hausaufgaben nicht vernünftig macht.

Bedenkliche Klischees und latenter Sexismus

Apropos Hausaufgaben: Als sich herauskristallisiert, dass ein intersexueller Mensch im Fall mit drinhängt, werden abermals Unschärfen in der Information und im Umgang mit einem Thema deutlich. Es wird zwar richtig erklärt, was „intersexuell“ bedeutet, aber dann später den völlig überholten Begriff „Geschlechtsumwandlung“ zu benutzen (man redet heute von „Geschlechtsangleichung“) und dann immer wieder von einem „Mädchen“ zu sprechen, obwohl die sexuelle Identität überhaupt nicht klar ist, halte ich für ein 2016 entstandenes Buch für rückständig. Das mag aber auch an einer mangelnden Übersetzung liegen und nicht (nur) an Baldacci.

Ganz bedenklich finde ich dann, dass sich die intersexuelle Person in „Memory Man“ auch noch als „böse“ entpuppt, selbst wenn das auf erlittenen traumatischen Erfahrungen basiert. Baldacci versucht hier mit Sicherheit, zum Ausdruck zu bringen, wie grässlich und unfair Intersexuellen von ihrer ignoranten und böswilligen Umwelt mitgespielt wird und was das anrichten kann. Dennoch: wenn am Ende der intersexuelle Mensch selbst als abartiger Bösewicht dasteht, dient das in meinen Augen nicht gerade einem positiven, normalen Image.

Auf immer wieder auftauchende, latent sexistische Klischees will ich jetzt nicht auch noch weiter eingehen. Zumal Baldacci mit Amos‘ Ex-Partnerin Mary auch eine toughe Frau dabei hat. Aber wenn ihr genau hinhört, wenn es um Mädchen, um Röcke und „typisch weibliches Verhalten“ geht, werdet ihr wissen, was ich meine.

Trotzdem: eine gute Hauptfigur

Nach aller Kritik jetzt das Positive. Das beginnt mit der Hauptfigur, mit der gerade eine Serie ja immer steht und fällt. Amos Decker tritt nicht sofort als Sympath auf. Er ist brummig, runtergekommen und reitet – wie gesagt – ein bisschen zu sehr auf seinem „Zustand“ rum. Dennoch wächst er einem im Laufe der Geschichte und je mehr er sich wieder zu Taten aufrafft ans Herz. Mit seinem Tatendrang wächst auch sichtbar seine Kompetenz, und irgendwann blitzt sogar Humor aus diesem riesigen, grantigen Kerl hervor (ist das eigentlich eine Baldacci-Regel, dass alle Helden über 1,90 m groß sein müssen?).
Und spätestens, als in der zweiten Hälfte der Fall merklich anzieht und Amos aufhört, ständig von seiner Synästhesie und seinem Gedächtnis zu reden, zieht er uns auf seine Seite. Und glänzt dann im Showdown.

Der Plot: spannend, zum Mitraten, mit Schwächen

Der Fall an sich gestaltet sich als nicht außergewöhnlicher, aber durchweg spannender Whodunit. Es gibt schöne Ermittlungsmomente und Amos-Decker-Beobachtungen mit Aha-Effekt. Zwei scheinbar zusammenhanglose Taten verknüpfen sich am Ende logisch. Nebenfiguren wie Amos Ex-Partnerin, sein ehemaliger Chef, FBI-Ermittler und Psychiater bereichern das Ensemble. Ein paar schaurige Momente sorgen für leichte Gänsehaut. Und am Schluss darf sich Amos mit vollem Gewicht in die Action werfen.

Die Auflösung lässt keine Fragen oder Hintertüren offen, hat allerdings auch Schwächen. Ich will hier nicht spoilern, aber ich finde die Erklärung, warum der Mörder Amos‘ Familie getötet hat, ziemlich schwach und leicht willkürlich. Da hätte ich mir einen stärkeren Grund gewünscht.

Zum Sprecher:

Dietmar Wunder erreicht hier Bestnoten. Nicht nur, dass er mit jedem zusätzlichen Lebensjahr eine tiefere und schönere Stimme zu bekommen scheint, er weiß sie auch einzusetzen. Amos verpasst er die Brummigkeit, die zu seiner Beschreibung absolut passt. Frauenstimmen sind kein Problem. Mit hoch professionell gesetzen dramatischen Pausen, gefährlichem Flüstern, einem ominösen Absenken der Stimme am Satzende und etlichen weiteren Sprecherwerkzeugen sorgt Wunder für beste Thriller-Atmosphäre. Eine wirklich charismatische Performance.

Fazit:

Nach anfänglich nervenden Redundanzen entwickelt sich Amos Decker zu einer Figur, der man gerne durch den Fall folgt. Seine neurologische Besonderheit gibt ihm eine interessante „Superpower“, die sich als zweischneidiges Schwert entpuppt. Der Plot ist von Miträtseln und ansteigender Spannung geprägt, die Motivation hinter den Taten birgt allerdings einen schwachen Zusammenhang. Negativ stoßen von Baldacci und/oder dem Übersetzer ins Spiel gebrachte medizinische Fehlinformationen und latente sexuelle Klischees auf, die Vorurteilen eher Zunder geben als sie abzubauen, wenn auch mit Sicherheit nicht beabsichtigt.
Alles zusammen genommen ein durchschnittlicher Thriller, aber mit einer durchaus interessanten Hauptfigur, von Dietmar Wunder mit tollem Charisma gelesen.

Bewertung:

Hörbuch: 5 von 10 Punkten
Sprecher: 10 von 10 Punkten

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