Rezension: „Fuchsteufelsstill“ von Niah Finnik

Fuchsteufelsstill von Niah Finnik
Copyright: Ullstein Verlag

 

Titel: Fuchsteufelsstill
Autor: Niah Finnik
Sprache: Deutsch
Format: eBook/Taschenbuch
Verlag: Ullstein fünf
erschienen: 07.04.2017
Länge der Printausgabe: 304 Seiten

 

 

 

 

 

 

Rot verdirbt ihr den Tag. Nur Blau kann dann helfen. Und wenn ihre sorgsam getaktete tägliche Routine sich nur ein bisschen verschiebt, schlägt ihr der Fuchs seine Klauen in den Nacken.

Angst. Das ist das Gefühl, das Juli durchs Leben begleitet. Juli, die ohnehin schon mit einer besonderen Neuropsychologie zu kämpfen hat: Sie hat das Asperger-Syndrom, eine Autismus-Spektrum-Störung. Das bedeutet, dass sie die Welt anders wahrnimmt, und aus dieser ungewöhnlichen Ich-Perspektive wird „Fuchsteufelsstill“  aus dem Ullstein fünf-Verlag erzählt.

Die Autorin des Romans, Niah Finnik, weiß, wovon sie Juli sprechen lässt. Finnik hat selbst das Asperger-Syndrom. In wieweit sie und Juli sich ähneln, wo ihre Erfahrungen dieselben sind, ist nicht bekannt. „Fuchsteufelsstill“ ist weder eine Autobiografie noch ein Sachbuch, sondern ein Roman. Mit Sicherheit aber hat Finnik ihre Wahrnehmungswelt in dieses Buch mit einfließen lassen und zieht den Leser kopfüber hinein.

Alles. Immer. Zu viel.

Permanente Überforderung. Ständige Reizüberflutung. Eine Gedankenkaskade, die nicht zu stoppen ist. So empfindet man mit Juli die ständig auf sie einprasselnden Details und Sinneseindrücke. Gerüche, Farben, Gefühle, Bilder, Erinnerungen, Assoziationen – alles konkurriert ständig in gleicher Intensität um Julis Aufmerksamkeit. Filtern ist beinahe unmöglich, Konzentration mühsam erkämpft.

Die Angst hat ein Fell

Wo sogar der immer gleiche Heimweg zur immer gleichen Zeit dennoch mit ständig neuen Eindrücken aufwartet, wird jeder Änderung und alles Neue zu einer Quelle der Angst. So starke Angst, dass sie eine Form annimmt: Sie bekommt Klauen und Zähne, huscht mit gesträubtem Fell schattenhaft hinter Juli her. Das ist er, der Fuchs aus „Fuchssteufelsstill“, und mit ihm wird Juli im Laufe der Romans eine andere Beziehung eingehen.

Angst und Überforderung sind es wohl auch, die Juli bis zu einem Suizidversuch getrieben haben, und deswegen geht sie als Tagespatientin in eine Klinik zur Therapie. Sie tritt ein in diese merkwürdige Parallelwelt der „Irren“, wo Diagnosen in Kataloge  und ICD-Schlüssel gepresst werden und nicht immer klar ist, wer Arzt und wer Patient ist.

Roadtrip mit „Irren“

Dort trifft Juli auf die bipolare Sophie und den schizophrenen Phillip. Sophie hat zu viel Energie, plappert ständig, feuert Fragen um sich, lacht laut und ist für jede spontane Idee zu haben. Phillip lernen wir als ruhig und besonnen kennen, und seine psychotische Episode scheint der Vergangenheit anzugehören. Zusammen mit Juli machen sie sich nach dem Selbstmord eines Mitpatienten auf ins Ungewisse: Nach Norden, denn das ist die gegenteilige Himmelsrichtung von Julis Angst.

„Auf der Rückseite von Angst war etwas, das nicht auf dem Bordstein saß. Was da war, erstarrte auch nicht. Es verharrte nicht im Süden, sondern ging Richtung Norden […]“

Niah Finnik, Fuchsteufelsstill, Pos. 987-988

Die Welt gerät aus den Fugen

Was beginnt wie ein skurriler Psychiatrieroman, entwickelt sich daraufhin zu einem immer bizarrer und beängstigender werdenden Mini-Roadtrip. Während Juli gegen ihre Angstattacken ankämpft, intensiviert sich auch ihre Wahrnehmung. Sie nimmt uns mit auf trudelnde Gedankenspiralen aus Zahlen, Wissen, Assoziationsketten. Dazwischen Begegnungen mit Fremden, die durch Julis Augen geschehen und ebenso demaskierend wie undechiffrierbar sind. Man muss das Buch für Pausen zur Seite legen um all diese Details und Gedanken verarbeiten zu können – und bekommt vielleicht einen kleinen Eindruck von Asperger-typischer Reizüberflutung.

„Normalerweise fühlte sich mein Körper wie Zubehör an, das irgendwelche Navigationen entgegennahm, die nicht von mir stammten.“
Niah Finnik, Fuchsteufelsstill, Pos. 2015-216

Und dann ist da noch Phillip. Der hat seine Medikamente abgesetzt und rutscht zusehends in einen heftigen psychotischen Zustand ab. Das als Leser mitzuerleben, ist beklemmend und wirklich beängstigend. Wie es in Wirklichkeit sein muss, wenn sich ein Mensch so völlig geistig zerfasert, für die Umstehenden und für den Betroffenen, mag man sich gar nicht vorstellen. Es wird dramatisch und schlichtweg gefährlich, und Finnik nutzt die Eskalation, um ihre Hauptfigur Juli mit ihrer Angst auf Konfrontationskurs gehen und sie ein Stück über sich hinauswachsen zu lassen.

Auch der Umgang mit psychisch Erkrankten wird hier, und nicht nur hier, zum Thema. Die stigmatisierende Verurteilung Außenstehender steht der Innensicht und dem Alltag der Betroffenen gegenüber. Welten, zwischen denen es keine Brücke zu geben scheint. Auch nicht in diesem Buch.

Ensemble mit Handicap

Dieser Erstlingsroman aus dem neuen Ullstein fünf Verlagsprogramm gewinnt. Dafür verantwortlich sind die außergewöhnliche Erzählperspektive und die Figuren – allen voran Juli. Sophie und Phillip bieten interessante und teils bestürzende Einblicke in psychische Erkrankungen. Wobei wir bei Sophie offensichtlich nur die etwas überbordende und medikamentös im Zaum gehaltene Seite der Bipolarität kennen lernen und darüber hinaus keine Hintergründe über ihr Leben erhalten. Und Philip wird durch seinen psychotischen Schub zu sehr verzerrt, um seine „normale“ Persönlichkeit wirklich einschätzen zu können. Trotzdem ist man schnell auf ihrer Seite und Teil des kleinen Dreiertrupps. Was natürlich auch daran liegt, dass Juli beide mag und uns mit ihrer bestechend aufrichtigen Art in den Bann zieht.

Eine andere Sprache

Die Sprache, derer sich Finnik bedient, ist bildreich, ohne lyrisch zu wirken. Klare, faktische Analogien paaren sich mit neuen Wortkombinationen, die Julis anderer Wahrnehmung gezollt sind und dafür sorgen, dass man permanent mit dem Textmarker zugange ist. Humor findet sich inmitten psychischer Krisenbeschreibungen. Unbestechliche Logik sitzt neben Einbildungskraft. Das ist keine blumige Sprache. Das sind Metaphern, die mit dem Teppichmesser aus der Realität geschnitten sind. Realpoesie. Gibt es diesen Ausdruck schon?

„Nicht einmal meine Augen fühlten sich wie ein Teil von mir an, sie waren wie Löcher, die in eine Kiste reingebohrt worden waren, in der ich saß und aus der ich heraussah. Ständig blieb diese Kiste an Türklinken hängen, wenn sie nicht schon in der Tür stecken geblieben war. Viel zu oft taumelte sie und riss im Vorbeigehen alles andere mit zu Boden.“

Niah Finnik, Fuchsteufelsstill, Pos. 2016-2018

Es wird surreal

Wenn man etwas kritisieren will an Finniks Debüt, dann kann das nur der Plot sein. So viel passiert eigentlich gar nicht, der Trupp bewegt sich nur wenige Kilometer fort, und teils wird es schon etwas unrealistisch. Wildfremde Menschen, die einen einladen, obwohl man sie gerade angebrüllt hat, sind nicht wirklich Standard. Generell stellt sich zum Ende hin ein Gefühl von Surrealität ein, das nicht nur auf Julis verzerrter Perspektive und Phillips Halluzinationen beruht. Da verliert einfach alles den Boden der Tatsachen unter den Füßen – was dann aber auch wieder ein bisschen passt.

Bleibt abzuwarten, was Finnik als nächstes schreibt. Ob sie sich weiter im Kosmos von Autismus und einem besonderen Blickwinkel bewegt, oder ob es ein Buch sein wird, das damit gar nichts zu tun hat. Was auch immer – ich bin sehr gespannt darauf.

Bewertung: 8 von 10 Punkten

PS in eigener Sache:

Ich bin keine Asperger-Expertin, habe aber einen fast erwachsenen Sohn mit dieser Diagnose und kenne noch einige weitere. Wer jetzt „Fuchsteufelsstill“ liest und denkt: „Aha, so ist das also als Asperger!“, dem möchte ich unbedingt einen Satz mitten aus dem Roman ans Herz legen: „Kennst du einen Autisten, kennst du genau EINEN Autisten.“ Autismus ist ein breites Spektrum. Selbst der Teil, auf dem sich die Asperger-Autisten tummeln, weist unzählige Variationen auf. Kein „Aspi“ ist wie der andere. Kein Mensch ist wie der andere. Merkt euch das bitte. Ich finde das wichtig, und ich hoffe, Niah Finnik stimmt mir da zu.

Disclaimer: Ein Rezensionsexemplar von „Fuchsteufelswild“ wurde mir vom Ullstein Verlag via netgalley.de im Gegenzug für meine ehrliche Meinung zur Verfügung gestellt.

 

 

 

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2 Gedanken zu “Rezension: „Fuchsteufelsstill“ von Niah Finnik

  1. privatkino 19. April 2017 / 12:37

    Hab von dem Buch die ersten 20 Seiten gelesen, dann es aber erst einmal beiseite gelegt, vermutlich sollte ich es doch noch mal zur Hand nehmen.

    Schöne Rezension!

    • papercuts1 19. April 2017 / 13:05

      Hallo privatkino

      danke dir! Tatsächlich zieht der Roman immer mehr an, sowohl was Sprache, Dramatik und Intensität angeht. Glaubt man sich anfangs noch in einem teils witzigen Psychiatrieroman nach schon bekanntem Schema vorzufinden, wird man zunehmend eines Besseren belehrt. Vor allem, wenn dich die ungewöhnliche erzählerische Perspektive interessiert, solltest du es noch mal versuchen. Macht neue Bilder im Kopf, und das ist doch dein Ding!

      Gruß,
      Ute

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