Rezension: „Ragdoll“ von Daniel Cole

Ragdoll von Daniel ColeTitel: Ragdoll
dt. Titel: Ragdoll- Dein letzter Tag
Autor: Daniel Cole
Sprache: Englisch
Format: Hörbuch
Sprecher: Andrew Wincott
Verlag: Orion Publishing Group Ltd.
erschienen: 09.02.2017
Länge: 13:22 Std., ungekürzt

Das Hörbuch gibt es als Download bei audible.de, und zwar HIER. Es kostet im Flexi-Abo € 9,95 (regulärer Preis € 22,95 ). Eine Hörprobe findet ihr ebenfalls auf der Produktseite von Audible.

Inhaltsangabe:

A body is discovered with the dismembered parts of six victims stitched together like a puppet, nicknamed the ‚ragdoll‘ by the press.

Assigned to the shocking case are Detective William ‚Wolf‘ Fawkes, recently reinstated to the London Met, and his former partner, Detective Helen Baxter. The Ragdoll Killer taunts the police by releasing a list of names to the media and the dates on which he intends to murder them. With six people to save, can Fawkes and Baxter catch a killer when the world is watching their every move?

Zum Hörbuch:

„Ragdoll“, das inzwischen auch auf Deutsch erschienen ist und ziemlich gehypt wird, hatte ich schon auf dem Radar, als im Februar das englische Hörbuch erschien. Da haben mich hier noch alle gefragt, was ich denn da lese, und wer Daniel Cole denn sein soll. Nun, inzwischen wisst ihr es wohl.

Mich haben vier Dinge gereizt, „Ragdoll“ zu hören: der Klappentext, das Setting in meiner Lieblingsstadt, der Sprecher und die Tatsache, dass der Autor Screenwriter ist. Wollen wir schauen, was daraus geworden ist?

Aus Sechs mach Eins

Die Leiche, die die Ermittlungen ins Rollen bringt, besteht aus den zusammengenähten Einzelteilen von sechs Mordopfern. Ziemlich heftig. Dennoch gibt es in „Ragdoll“ keine plakative oder gar voyeuristische Grausamkeit (wie das leider oft in Thrillern der Fall ist), an der sich ergötzt wird. Das bleibt auch so, als der Mörder im Laufe der Geschichte für weitere Leichen sorgt – auf äußerst kreative Art und Weise, die vorübergehend einen zur dunklen Seite der Macht übergewechselten MacGyver zu meinem Hauptverdächtigen machen.

Im Herzen von London

London ist meine absolute Lieblingsstadt und sorgt gleich zu Beginn mit dem Old Bailey Gerichtsgebäude im Herzen von London für altehrwürdiges Lokalkolorit. Der englische Touch bleibt angesichts des thematisierten Prozedere der London Metropolitan Police erhalten, allerdings hätte „Ragdoll“ darüber hinaus in jeder britischen Großstadt spielen können.

Filmreif

Daniel Cole ist Screenwriter und – hui! – das merkt man! Tatsächlich beruht „Ragdoll“ auf einem verworfenen Drehbuchentwurf. Schon der Beginn liest sich wie ein ominös-prophezeiender Kameraschwenk hoch zur Justitia-Figur am Gerichtsgebäude. Man kann sich die mahnende Skulptur vor dunkel bewölktem englischem Himmel genau vorstellen.

Generell ist der Stil sehr visuell, weniger introspektiv als bild- und handlungsgeprägt. Der Showdown spielt sich in HD vor meinem inneren Auge ab, ungeheuer plastisch und mit so scharf konturierten Personen und Kulissen, wie es selten der Fall ist. Wow!

Daniel Cole über „Ragdoll“

Twist & Shout

„Ragdoll“ ist über weite Strecken ein „police procedural“, in dem etliche Nebenfiguren stoisch ihrem Ermittlerjob nachgehen und – wie im echten Leben – teils frustrierend auf der Stelle treten. Das ist mir stellenweise zu personenreich, zu mürbe und zu ergebnislos. Gut, dass die Routine immer wieder von bösen aber erstaunlich zurkusreifen Morden unterbrochen wird. Da hat Cole sich (vermutlich zusammen mit einem unterforderten Chemielehrer) wirklich ein paar innovative Abgänge ausgedacht! Ein echter „Spaßfaktor“ in einer ansonsten finsteren Story.

Eine Wendung scheidet die Geister

Aber ein Thriller steht und fällt ja immer mit seiner Auflösung. Nun ist „Ragdoll“ kein wirklicher whodunit. Es ist schnell klar, dass die ganze Sache sich um Detective Wolf dreht, und auch das Tatmotiv kristallisiert sich zunehmend heraus – nur WER der Mörder ist? Dafür gibt es lange überhaupt keine Anhaltspunkte.

Der Twist, der folgt, und die Identifizierung des Täters kommen als Zick-zack-Wendung und bringen thematisch einen Bruch ins Buch. Ich will hier nicht spoilern, nur so viel: An dieser Stelle muss man sich entscheiden. Bricht man ab, weil das alles ein bisschen hatten-wir-so-schon-mal mit Anwandlungen von deus-ex-machina wirkt? Oder lässt man sich ein auf die doppelbödige Idee von Daniel Cole und auf den Kreis, der sich da (zugegeben etwas hanebüchen) schließt?

W.O.L.F.

Und dann sind da natürlich die handelnden Figuren. Allen voran William Oliver Layton-Fawkes, abgekürzt „Wolf“ (ja, für diese Erkenntnis habe ich viel länger gebraucht, als ich gestehen will). Der wirkt erstmal wie das typische Klischee vom ausgebrannten Cop mit persönlichen Problemen. Er ist geschieden. Er hat einen traumatischen Fall hinter sich. Er hat definitiv Schwierigkeiten mit seiner Impulskontrolle, wie der Prolog klar macht. Trotzdem ist da etwas anders an Wolf. Seine Grauzonen entstammen nicht nur seinem emotionalen Gepäck. Etwas Unbequemes, Beunruhigendes haftet an diesem Charakter. So sehr man seinen Gerechtigkeitssinn und seine leiste Chemie zu Kollegin Emily Baxter auch mag und die Tatsache, dass er im Bon Jovi T-Shirt am Tatort erscheint, so hält man trotzdem zögerliche Distanz zu Wolf.

Ich liebe solche schwierigen Figuren, um deren Sympathie man mit sich selbst kämpfen muss. Dass ich mich am Ende von „Ragdoll“ vor allem Wolf’s wegen auf die anstehende Fortsetzung freue, beweist, dass Cole irgendwie alles richtig macht.

Der Subwoofer von Andrew Wincott

Der britische Sprecher Andrew Wincott (die englische Stimme von „John Sinclair“) hat Bässe in seiner schönen tiefen Stimme, mit der meine Kopfhörer teils zu kämpfen haben. Das vibriert! Zur finsteren Atmosphäre und vor allem zum brütenden Detective Wolf passt diese Stimme hervorragend, und erstaunlicherweise überzeugt Wincott auch bei den weiblichen Figuren, vor allem bei Wolf’s Kollegin Baxter. Manchmal liest Wincott mir etwas zu langsam, aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Seine Stimmfarbe alleine macht das Zuhören schon zum Genuss!

Fazit:

Ein filmreif geschriebener Thriller mit kreativen Morden, hohem „police procedural“-Anteil, einer faszinierend zwiespältigen Hauptfigur, einem unerwarteten Twist sowie wuchtigem Showdown. Nicht perfekt, aber ungewöhnlich genug, um aus dem Mainstream hervorzuragen.

Das Beste: Das Ende schlägt ein völlig neues Kapitel auf und macht wirklich neugierig auf die bereits angekündigte Fortsetzung.

Bewertung:

Hörbuch: 9 von 10 Punkten

Sprecher: 9 von 10 Punkten

„Ragdoll“ gibt es natürlich auch auf Deutsch, als Hörbuch (gelesen von Wolfram Koch), als Taschenbuch oder eBook vom Ullstein Verlag.
 

 

 

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3 Gedanken zu “Rezension: „Ragdoll“ von Daniel Cole

    • papercuts1 5. Mai 2017 / 16:10

      Es war erfrischend, mit „Ragdoll“ mal wieder einen Thriller zu finden, der nicht nur Schema F bietet und dennoch ein breites Publikum anspricht. Gut, dass das Buch es auch nach Deutschland geschafft hat! Jetzt bin ich sehr gespannt auf die Fortsetzung!

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