LGBTQIA+ Bücher: 12 Lesetipps im Zeichen des Regenbogens

Der „Pride“ Monat Juni ist zuende gegangen, und passend hat am 30.6. der deutsche Bundestag endlich per Gesetz klar gemacht, was längst fällig war: In Deutschland gilt jetzt die Ehe für alle, ganz egal, ob es sich um Paare gleichen oder verschiedenen Geschlechts handelt. Ich finde das gut.

Was ich auch schön fände, wäre, wenn auch in der Literatur Paare und Familien aus allen Farben des Regenbogens immer selbstverständlicher würden. Da ist nach wie vor viel Arbeit zu leisten. Es gibt immer mehr LGBTQIA+-Romane, aber die werden eben als eigenes Genre gesehen, und nicht einfach nur als ganz normaler Roman oder Krimi oder Liebesgeschichte etc.

Immerhin gibt es inzwischen aber wenigstens eine steigende Zahl von Büchern, in denen Regenbogenmenschen vertreten sind oder die Hauptrolle spielen. Vor allem in letzter Zeit kommen da viele YA-Bücher aus den USA zu uns rübergeschwappt und klären nicht nur auf, sondern sind wunderbar geschrieben, unterhaltsam und berührend.

Anlässlich von #pride und #ehefueralle und sowieso und überhaupt stelle ich euch hier mal 12 Regenbogenbücher vor, die ich gelesen und sehr gemocht habe:

1. „Simon vs. the Homo Sapiens Agenda“ (Nur drei Worte) von Becky Albertalli

Simon vs. The Homo Sapiens Agenda von Becky AlbertalliEin wahnsinnig positiver Jugendroman über Highschool-Schüler Simon, der eigentlich kein Problem damit hat, dass er schwul ist. Nur, dass eine Erpressung sein Coming Out offenbar erzwingt, findet er gar nicht gut. Wie es ihm darauf hin mit seinen Freunden, seiner Familie und vor allem seinem geheimen Schwarm „Blue“ ergeht, ist eine rundum wohltuende, unterhaltsame und erfreulich  entspannte Geschichte. Der super sympathische Sprecher Michael Crouch sorgt in der englischen Hörbuchversion, die ich gehört habe, dafür, dass man durch den Roman nur so durchfliegt. Natürlich gibt’s das Ganze unter dem Titel „Nur drei Worte“ auch auf Deutsch, beim Carlsen Verlag. Und im März 2018 kommt die US-Verfilmung in die Kinos.

Zur Rezension von „Simon vs. the Homo Sapiens Agenda“

2. „I’ll Give You The Sun“ (Ich gebe dir die Sonne) von Jandy Nelson

Noch ein YA-Roman, diesmal um ein Zwillingspaar. Sowohl die forsche Jude als auch ihr Bruder Noah sind künstlerisch begabt. Aus zeitversetzten Perspektiven erfahren wir, wie es zu einem Bruch in ihrer innigen Beziehung kam. Teil der Geschichte ist auch Noah’s Homosexualität und seine erste Verliebtheit – auf der anderen Seite Jude’s Beziehung zu einem Künstler. Der künstlerische Bezug, der sich auch sprachlich niederschlägt, und der Puzzlecharakter der Geschichte sind etwas Besonderes. Ich habe das englische Hörbuch gehört, seit ein paar Monaten gibt’s das Buch unter dem Titel „Ich gebe dir die Sonne“ aber auch auf Deutsch im cbt Verlag.

Zur Rezension von „I’ll Give You The Sun“

3. „George“ von Alex Gino

Einfühlsam und kindgerecht schon für Grundschüler behandelt dieser Roman das Thema Transgender. „George“, im Körper eines Jungen geboren, ist zehn Jahre alt und wünscht sich insgeheim nur eins: Endlich das Mädchen sein zu dürfen, das sie eigentlich ist. Zum Glück hat sie eine gute Freundin, der sie sich schließlich anvertraut. Alex Gino füllt mit diesem Buch eine wichtige Lücke: Auch Kinder im Alter vor der Pubertät sollten über Transgender aufgeklärt werden, und zwar auf unterstützende, positive Art und Weise, so wie hier. Das deutsche Hörbuch von sauerländer audio wird von Julian Greis altersgerecht lebendig und gut verständlich vorgetragen.

4. „Symptoms Of Being Human“ von Jeff Garvin

Symptoms of being Human von Jeff GarvinRiley ist gender fluid und empfindet sich wechselweise als Junge oder als Mädchen. Das weiß bisher nur seine Therapeutin, und Riley hat damit so sehr zu kämpfen, dass schon mal ein Aufenthalt in einer Psychiatrie notwendig war. Jetzt steht der Besuch einer neuen Schule an, und durch einen Blog droht Riley’s Geheimnis aufzufliegen – und das, wo der Vater doch ein bekannte Politiker ist. Besonders spannend an Jeff Garvin’s YA-Roman ist die Tatsache, dass auch für den Leser nie klar wird, welches Geschlecht Riley biologisch eigentlich hat – und das stellt die eigene binäre Denkweise ganz schön bloß. Ein bisschen lehrbuchmäßig, aber sehr aufklärend und mit gutem Ende. Gibt’s bisher leider nur auf Englisch. Der Sprecher des Hörbuchs,  Tom Phelan, identifiziert sich übrigens selbst als nicht-binär, also weder als männlich noch als weiblich.

Zur Rezension von „Symptoms Of Being Human“

5. „Gracefully Grayson“ von Amy Polonsky

Gracefully Grayson von Amy PolonskyÄhnlich wie „George“, richtet sich dieses Buch an Pre-Teens. Hier ist es Grayson, biologisch gesehen ein 12jähriger Junge, die sich heimlich als Mädchen identifiziert. Es geht vor allem um Identität – darum, in den Spiegel sehen zu können und dort nicht die Person zu sehen, die man eigentlich ist. Grayson’s Chance, sich als Mädchen zeigen zu können, ist die weibliche Hauptrolle in einem Theaterstück der Schule. Sie nimmt sie wahr und erfährt dabei Ablehnung, aber auch immer mehr Unterstützung, teils von unerwarteter Seite. Ein – leider nur auf Englisch erhältliches – Mutmachbuch für junge Transgender-Menschen und Aufklärung für alle, die etwas darüber wissen möchten.

6. „Carry On“ (Aufstieg und Fall des außerordentlichen Simon Snow) von Rainbow Rowell

Carry On von Rainbow RowellSimon Snow ist ein junger Zauberer, der seine Kräfte nicht ganz im Griff hat. Und dann wird er im Zaubererinternat auch noch mit Baz in ein Zimmer gesteckt. Baz, den er gar nicht leiden kann. Baz, der sich als Vampir herausstellt. Baz, für den Simon gegen seinen Willen zärtliche Gefühle entwickelt. Dieser Jugendroman von Rainbow Rowell liest sich wie eine Harry Potter Fanfiction, die mit „Twilight“ zusammengestoßen ist – und wurde geboren aus einer fiktiven Fanfiction-Geschichte in Rowell’s Roman „Fangirl“. Was kompliziert klingt, ist ein sehr gefühliges, schwelgendes Teenie-Drama im Fanfiction-Stil, das großartige Momente hat und für Toleranz gegenüber jedweder „Andersartigkeit“ einsteht. Erscheint auf Deutsch unter dem (arg sperrigen) Titel „Aufstieg und Fall des außerordentlichen Simon Snow“ im August beim dtv-Verlag.

Zu meiner Rezensionvon „Carry On“ auf dem Hörbücher-Blog von audible

7. „None Of The Above“ von I.W. Gregorio

None of the Above von I.W. GregorioDas erste Jugendbuch über Intersexualität, das ich kenne. Kristin ist ein hübsches, beliebtes Mädchen an ihrer Schule, wird durch das „erste Mal“ mit ihrem Freund und den anschließenden Arztbesuch aber mit einer erstmal schockierenden Diagnose konfrontiert: Sie ist intersexuell, besitzt also sowohl weibliche als auch männliche Geschlechtsmerkmale. I.W. Gregorio führt den Leser durch sorgfältige Erklärungen und Kristin’s (leider auch von Mobbing begleiteten) Weg zu einem neuen Selbstverständnis mit sich und ihrem Körper. Auch dieses Buch ist (leider) noch nicht auf Deutsch zu haben.

Zur Rezension von „None Of The Above“ von I.W. Gregorio

8. „Romeo & Jude“ von Marty Ross

Romeo and Jude von Marty RossBei einer avantgardistischen Laien-Theaterproduktion von Shakespeare’s „Romeo und Julia“ verlieben sich die beiden Hauptdarsteller ineinander: Jude, der gerade sein College-Studium hingeschmissen hat, und der geschiedene, sehr viel ältere Ray. Ihre Beziehung verursacht einen Skandal, und die zwei brennen durch. Autor Mary Ross trägt ein bisschen dick auf, als er außer der Homosexualität und des großen Altersunterschieds auch noch Transgender und Crossdressing mit in den Mix wirft. Aber an und für sich ist dieses Hörspiel mutig, für Shakespeare angemessen dramatisch und mit tollen Sprechern besetzt – einer davon „Game of Thrones“-Darstellen Owen Teale.

Zur Rezension von „Romeo & Jude“

9. Die „Cut & Run“-Reihe von Madeleine Urban und Abigail Roux

In die Sparte „Gay Romance“ fällt diese süchtig machende Buchreihe über zwei toughe, kerlige FBI-Agenten mit weichem Kern, die sich über insgesamt neun Teile verlieben, outen, verlassen, wieder zusammen kommen, das Leben retten… Nein, das ist keine hohe Literatur, aber die Autorinnen haben zwei Charaktere geschaffen, die man ins Herz schließt und durch alle Höhen und Tiefen begleiten will. Mit ordentlich viel Sex versehen, auch wenn der ziemlich bald nicht mehr das Entscheidende an der Sache ist. Lässt Buch 1 sprachlich noch einiges zu wünschen übrig, steigert sich die Reihe merklich. Ein Juwel in einem speziellen, oft abwertig behandelten Genre. Die englischen Hörbücher werden von Sawyer Allerde und Sean Crisden sowohl sexy als auch gefühlvoll vorgelesen.

Zur Rezension von Teil 1, „Cut & Run“

10. „By Nightfall“ (In die Nacht hinein) von Michael Cunningham

By Nightfall von Michael CunninghamIn diesem melancholischen Roman von Michael Cunningham geht es zwar nur am Rande um Homoerotik, aber gerade das finde ich gut – dass Sexualität zu den Zutaten eines Buches gehört, ohne Zaunpfahlmäßig im Mittelpunkt zu stehen. Hier geht es um die Middlife-Crisis (oder Depression?) und die Ehe eines New Yorker Kunsthändlers, der sich plötzlich vom jüngeren Bruder seiner Frau angezogen fühlt. Zwischen unterkühlt und sehr sinnlich schwankt dieser weniger bekannte Cunningham-Roman, als englisches Hörbuch von Hugh Dancy sehr treffend gelesen. Auf Deutsch ist der Roman unter dem Titel „In die Nacht hinein“ bei Luchterhand erschienen.

11. „The Art Of Fielding“ (Die Kunst des Feldspiels) von Chad Harbach

Die Kunst des Feldspiels von Chad HarbachAuch hier ist die homosexuelle Beziehung eines älteren Mannes zu einem jungen Liebhaber nur Teil der Geschichte. Chad Harbach berichtet in seinem Baseballroman (für den einen Baseball aber nicht wirklich interessieren muss) von mehreren Menschen und ihrer Entwicklung, verbunden durch einen schicksalhaften Ballwurf. Eine Figur in diesem Reigen ist ein alternder Universitätsprofessor, der sich in einen hübschen, engelhaften Studenten verguckt und seinen zweiten Frühling erlebt. Anrührend und nachdenklich.

Zur Rezension von „Die Kunst des Feldspiels“

12. „Not My Father’s Son“ von Alan Cumming

Not my father's son von Alan CummingDie Memoiren von Schauspieler und Entertainer Alan Cumming („The Good Wife“), in fesselnder, romanartiger Form erzählt. Cumming, offen homosexuell, wuchs auf unter den grausamen körperlichen und seelischen Misshandlungen durch seinen Vater. Der konnte mit den künstlerischen, weichen Charakterzügen seines Sohnes nie etwas anfangen. Wie Cummings sich trotzdem zu einem expressiven, lebensbejahenden Künstler entwickelte, erzählt er in der englischen Hörbuchversion mit Gänsehautintensität und rollendem schottischen Akzent. Eins meiner absoluten Lieblingshörbücher überhaupt. Atemberaubend.

Zur Rezension von „Not My Father’s Son“

So. Das sind meine Tipps zum Thema LGBTQIA+. Jetzt würde ich gerne eure hören! Was habe ich bisher versäumt? Was sollte man ergänzen? Kommen weitere gute Titel auf uns zu, von denen ihr gehört habt?

 

 

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