Schmachtend in den Highlands -„Outlander“ von Diana Gabaldon

Aye. Es ist passiert. Ich bin der „Outlander“-Serie verfallen. Und das gilt für die TV-Serie sowie für die Bücher und (englischen) Hörbücher. Ich, die ich mich doch immer über romantischen Kitsch und sogenannte „Frauenliteratur“ erhaben fühle. Ausgerechnet ich, mit meinem Hang zu eher düsterer Literatur und meiner geheimen Vorliebe für Zombies. Und jetzt „Outlander“. Wie konnte das passieren?!

Nun, nachdem eine Kollegin mir schon ewig von der Buchreihe vorgeschwärmt hatte, probierte ich es vor ein paar Monaten spontan mit der Fernsehserie. Und kam nicht weit. Ein paar Minuten mit Claire, diese Elfenmusik zu Beginn – nein, das war nicht meins.

Vor knapp zwei Wochen während einer dicken Erkältung dann der zweite Versuch. Diesmal hielt ich die erste Folge durch – und es klickte. Ich weiß nicht genau, woran es lag. Vielleicht an der wilden Horde Highlander, die plötzlich über den Bildschirm stapfte und gälische Flüche von sich gab. Vielleicht an der Tatsache, dass es in meinem Leben gerade sehr kompliziert zugeht und ich die Flucht in eine andere Welt mit klaren, sehr ursprünglichen Themen wie Liebe, Tod und Leidenschaft gut gebrauchen kann. Vielleicht, weil ich spätestens seit „Macbeth – A Novel“ für einen rollenden schottischen Akzent meine Seele verkaufen würde. Vielleicht, weil ich den historischen und medizinischen Kontext ungeheuer interessant finde. Vielleicht auch am richtigen Moment in meinem hormonellen Zyklus. A dinnae ken.

Jedenfalls zog ich mir innerhalb weniger Tage die erste Staffel der Starz-Serie rein. Wenn ich nicht gucken konnte (verflixtes Wahres Leben, muss das immer stören?!), stülpte ich mir beim Multitasking das englische Hörbuch auf die Ohren oder hatte das englische eBook vor der Nase.

Worum geht es in „Outlander“?

Die Engländerin und Kriegskrankenschwester Claire Randallreist im Jahre 1945 zu zweiten Flitterwochen mit ihrem Mann Frank nach Schottland. Dort wird sie durch einen magischen Steinkreis 200 Jahre in die Vergangenheit katapultiert: in die schottischen Highlands ins Jahr 1745. Beinahe von einem englischen Soldaten vergewaltigt, wird sie von einer Truppe Highlander aufgegriffen. Einer von ihnen ist der verletzte Jamie Fraser, auf den die Engländer ein Kopfgeld ausgesetzt haben. Claire und Jaime kommen sich näher, und bald ist Claire zwischen den Zeiten und zwei Männern hin- und hergerissen.

Buch vs. Serie

Ganz ehrlich: Die TV-Serie finde ich bisher besser. Das erste Buch (ich bin inzwischen schon bei Buch 3, ahem) hat schon einige Schwächen. Vor allem der Schreibstil entspricht nicht dem, was ich mir gewünscht hätte. Obwohl Gabaldon den Anfangsband auf über 800 Seiten auswalzt, kommt mir ihr Stil recht banal und holprig vor. Ich vermisse die saftige Opulenz und Sinnlichkeit, die das Setting und die Handlung eigentlich verdient hätten. Ich vermisse eine schönere, reichhaltigere Sprache, die bei mir „Kopfkino“ auslöst.

Das ist in der TV-Serie besser gemacht. Anstatt Gabaldon’s ruppiger Beschreibungen schwelgt die Kamera in stimmungsvollen Bildern der rauen, regnerischen Highlands im 18. Jahrhundert, gleich nachdem wir die verwaschenen, in Sepia-Tönen getränkten 1940er verlassen haben. Schottische Kerle in Kilts rabauken sich durch überzeugende Kulissen und Außenaufnahmen, und spätestens als Claire im honigfarbenen Schein des Kaminfeuers Jamie’s Wunden versorgt, ist ein Aufseufzen über die unverholen romantische Atmosphäre gerechtfertigt. Wo es im Roman an Atmosphäre und Emotion noch hapert, bringt die Serie es auf den Punkt.

Nicht zum Lachen

Noch so ein Manko im Buch: Obwohl ich den stark vorhandenen Humor zu schätzen weiß, kommt er mir im Roman doch öfters unangebracht vor. Gerade Jamie, der ja wirklich in grauenvolle und traumatisierende Szenarien hinein gerät, kaufe ich die witzig gemeinten Bemerkungen nicht ab, und der plötzliche Bruch in der ernsten Stimmung reißt mich immer mal aus der Geschichte. Auch das haben die Drehbuchschreiber und Schauspieler besser gelöst, mit angebrachtem Comic relief und Schalk im Nacken, aber dem passenden Ernst an der richtigen Stelle.

Englischer Trailer zu „Outlander“ Season 1

Strapazierte Glaubwürdigkeit

Bei der Handlung muss man über so einige Unglaubwürdigkeiten hinwegsehen. Das gilt für die Romanvorlage ebenso wie für die TV-Serie. Wie schnell Claire akzeptiert, dass sie gerade 200 Jahre zurück gereist ist, und wie wenig ihr Auftreten, ihre Kenntnisse und Sprache von ihrem Umfeld in Frage gestellt werden, verlangt schon einiges an Nachsicht durch den Leser bzw. Zuschauer. Das wird später weitergehen mit allen, die Claire ihre haarsträubende Geschichte überraschend schnell abkaufen.

Klar rollt man auch mit den Augen, als Claire, die eigentlich ganz andere Probleme hat, sich wenige Minuten nach ihrem Zeitsprung eigentlich nur noch für die korrekte medizinische Versorgung eines gewissen jungen Highlanders interessiert. Die unsterbliche Romanze dieser zwei ist so schnell so offensichtlich und dick aufgetragen, dass einem der arme Frank zuhause in den 1940ern wirklich leid tut. Die Serie macht diese Dreieckskombination allerdings interessanter, weil die Skriptautoren Frank mehr Raum und mehr Dimensionen geben und auch seinen Vorfahr, „Black Jack“ Randall als diabolischen Bösewicht zeigen, hinter dessen Fassade aber auch noch andere Aspekte aufblitzen, die faszinieren.

Let’s talk about sex

Da kommen wir nicht drumrum: „Outlander“ enthält eine Menge Sex, von naiv über brutal bis sinnlich, und wir müssen darüber reden. Die erblühende Liebe zwischen Claire und Jamie wird auch körperlich reichlich beschrieben, hat ein paar Momente, wo man sich das Lachen verkneifen muss, aber auch viel Romantik und Leidenschaft. Wer das als Porno bezeichnen möchte, dem widerspreche ich. Die Szenen zwischen Jamie und Claire sind (bis auf wenige alberne Ausnahmen) ästhetisch-romantische Erotik. Ja, vermutlich wird man im Laufe der Bücher der vielen Bettszenen ein wenig überdrüssig. Kann sein. Irgendwann hat Jamie seine Claire vermutlich aus jedem erdenklichen Kamerawinkel geküsst und sie ihn von „69“ bis Gott-weiß-was in alle möglichen Stellungen eingeweiht. Aber noch bin ich es nicht leid, und solange Plot und Figurenentwicklung die Hauptsache bleiben, und nicht der Sex, ist das auch völlig in Ordnung so.

Strittig: sexuelle Gewalt

An anderer Stelle packen Buch und Verfilmung ein heißes Eisen an: Vergewaltigung. Ein berechtigtes Thema in einem Zeitalter, wo Frauen sich den Männern zu unterwerfen hatten – von Gabaldon und ihrer starken Frauenfigur Claire in der Geschichte gut gelöst. Am Ende von Buch bzw. Staffel wird es dann sehr, sehr düster. Ich will hier nicht spoilern, aber da gibt es Szenen, die sind nicht leicht zu ertragen und von ihrer Aussage her zumindest in modernem Kontext strittig. Die Schauspielerleistungen in der Serie sind allerdings großartig, und auch die Drehbuchautoren sorgen durch ganz leichte Veränderungen zur Originalgeschichte dafür, dass diese furchtbaren Szenen wichtig für die Figurenentwicklung und ihre Beziehungen zueinander werden. Da kann man sehr viel drüber diskutieren.

Claire: Frauenpower

Einer der Gründe, warum ich „Outlander“ so mag, ist die selbstbewusste, kompetente, intelligente Frau, die im Mittelpunkt steht. Mal endlich keine Prinzessin auf der Erbse, sondern eine starke Frau, die ihren Prinzen ebenso oft rettet wie er sie, und die sich dabei den Mund nicht verbieten lässt. Noch dazu ist Claire Krankenschwester bzw. Ärztin. Ihr medizinisches Wissen verleiht ihr doppelten Wert, und es ist dazu noch hoch spannend, zu sehen, wie sie mit den arg limitierten Mitteln des 18. Jahrhunderts Blutvergiftungen, Krankheiten und Geburten managt. Claire ist sowohl Jamie als auch Frank ebenbürtig – ein Rollenvorbild und eine Identifikationsfigur, wie man sie in „Frauenliteratur“ dieser Art noch viel zu selten antrifft.

Gucken oder lesen?

Wenn ihr mich nach meiner Meinung fragt: Die TV-Serie ist besser. Sie nimmt die Vorlage, lässt Überflüssiges weg und baut die Stärken aus. Umstellungen im erzählerischen Verlauf sorgen für weniger Längen und für einen knackigen Spannungsbogen. Kleine Änderungen am Stoff bügeln Holprigkeiten in Sachen Logik und Figurenportäts aus und machen die Aussage der Geschichte zeitgemäßer, die Charaktere komplexer. Eine Kinofilmen ebenbürtige Produktionsqualität sorgt für einen opulenten Bilderrausch mit stimmigem Soundtrack. Und dann sind da noch die Darsteller mit großartiger Chemie und Ausdruckskraft. Ja, auch in der Serie gibt es ein paar alberne Szenen, und das Ganze ist natürlich unterm Strich ein riesiger Schmachtfetzen. Allerdings von extrem hoher Qualität, die das Beste aus der recht seichten Romanvorlage herausholt.

Zugegebenermaßen steigt die Qualität der Romane (ich bin jetzt mitten in Buch 3), auf jeden Fall in Sachen Schreibstil, und es wird insgesamt besser. Gabaldon schreibt sich merklich warm. Ein Vergleich zwischen den Büchern und der Serie lohnt sich in jedem Fall.

Wer Hörbücher mag, dem würde ich jedem zur englischen Version raten: Davina Porter kriegt tolle Akzente hin, spricht auch die Männer sehr überzeugend. Ihre Stimme ist mir persönlich etwas zu alt für Claire, die Erzählweise oft etwas zu unbekümmert. Aber man hört sich rein und muss die Lektüre dann auch beim Autofahren, Bügeln oder Joggen nicht unterbrechen.

Aber egal, was ich jetzt auch sagen werde: Wenn ihr, so wie ich, der 3. Staffel entgegenfiebert (in den USA und UK geht’s am 10. September los!), werdet ihr auch zu den Büchern greifen. Einfach, weil ihr wissen wollt, wie es weitergeht.

Und dann kommt ihr hier her und gebt es zu und wir trinken seufzend einen „Rhenish“ zusammen.

Neuer Trailer „Parallel Lives“ zu Season 3

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4 Gedanken zu “Schmachtend in den Highlands -„Outlander“ von Diana Gabaldon

  1. Sunsy 30. Juli 2017 / 20:30

    Hihi, du also auch 😉
    Ich hab die Bücher alle gelesen, habe anfangs die deutschen Hörbücher gehört, dann abgebrochen, weil Sean S-E-A-N ausgesprochen wurde und ich einen Wutanfall bekommen habe 😉 und die erste Staffel auf DVD gesehen. Anfangs auf Deutsch, dann auf Englisch.
    Ich muss allerdings zugeben, dass ICH eher auf die Bücher, die deutschen, stehe. Aber das liegt an meinem Kopfkino. Die Längen hab ich da nicht so gespürt.
    Jetzt liest meine Mama die Bücher und ist bei Band 4 angelangt 😉
    Wenn du mich mal besuchen kommst, könne wir gern einen Single Malt trinken 🙂 Ich habe einige da :)))
    Fühl dich fest gedrückt
    Elke

    • papercuts1 30. Juli 2017 / 20:52

      Hallo liebe Elke,

      ja, ich auch. Hätte ich nie gedacht, aber die Reihe ist GENAU DAS, was ich gerade brauche.

      Was die Bücher angeht, so hat das eBook für mich den Vorteil, dass ich dabei die Stimmen aus der TV-Serie im Kopf habe, an die ich mich so rasch gewöhnt habe. Und ich kann Stellen, die sich ziehen, besser überfliegen.

      Davina Porter spricht die englischen Hörbücher allerdings auch wirklich nicht schlecht, wenn man sich eingewöhnt hat. Ich habe dann irgendwie nur andere Gesichter im Kopf. Macht aber nix – Hauptsache, ich muss nicht warten, bis ich mich wieder an mein Buch setzen kann. So begleitet mich Outlander (fast) überall hin.

      In die deutschen Hörbücher habe ich nur reingehört. Beide Sprechrinnen sind nicht so mein Ding, und wenn die eine „Sean“ permanent verkehrt ausspricht – sowas treibt mich auch in den Wahnsinn. Geht gar nicht!

      Auf den Single Malt komme ich gerne zurück. Vielleicht, wenn ich die ganze Reihe durchhabe? Bei meinem derzeitigen Tempo wird das gar nicht so lange dauern…

      LG,
      Ute

      • Sunsy 4. August 2017 / 16:20

        Jederzeit gern.
        Liebe Grüße und ein schönes WE
        Elke

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