Wie ich mit Claire und Jamie zusammen alt werde: Outlander #3 – „Voyager“

Nachdem ich mich vor knapp einem Monat kopfüber in die „Outlander“-Saga gestürzt habe, gab es bisher noch keinen Grund, aus den Highlands wieder in die Wahre Welt zurückzukehren. Zu schön ist es da, bei Claire und Jamie Fraser. So habe ich mich durch die zwei TV-Staffeln und die zugehörigen Bücher gepflügt, um dann mit meinem Lieblingsrotschopf und seiner Sassenach in unbekanntes Terrain aufzubrechen: zu Buch #3, „Voyager“ (auf Deutsch: „Ferne Ufer“) gibt es noch keine TV-Staffel (die gibt’s ab 10. September zu sehen, zumindest für die Glücklichen, die Starz oder RTL Passion abonniert haben). Als ich mich an das 42-stündige englische Hörbuch bzw. das 870-seitige eBook mache (ich switche, je nach Situation, hin und her), muss ich mich also auf mein eigenes Kopfkino verlassen.

englischer Trailer zu Staffel 3 von „Outlander“


Achtung: Dieser Artikel enthält leichte Spoiler für „Voyager“ (aber nichts über den Trailer und die überall in den Medien kursierenden Infos hinaus)

Absence makes the heart grow fonder

Die Krux mit „Voyager“ ist, dass Claire und Jamie erstmal ziemlich lange Zeit voneinander getrennt sind. Wir erinnern uns: Claire, schwanger mit Jamie’s Baby, ist am Ende von Teil 2 durch die Steine in ihre Zeit zurückgereist, zu Frank, während Jamie dem sicheren Tod in der Schlacht von Culloden entgegensieht. Aber natürlich kommt alles anders als gedacht: Jamie überlebt, und Claire weiß davon (zunächst) nichts. Und so erleben wir in Buch 3, wie unsere beiden die nächsten zwanzig (!) Jahre lang versuchen, mit dem Verlust ihrer großen Liebe klarzukommen und weiterzuleben.

Claire und Frank in Staffel 3 von „Outlander“

Es ist jetzt nicht wirklich ein Spoiler, dass Jamie und Claire schließlich wieder vereint werden, oder? Es ist einer der Höhepunkte von „Voyager“ und so aufgeladen mit Erwartungen, dass ein bisschen die Luft aus der Sache weicht, als die zwei sich endlich wieder in den Armen liegen. Sowohl die beiden Charaktere als auch der Leser haben sich an diesem Punkt hunderte von Seiten in Sehnsucht verzehrt, Jamie und Claire idealisiert und ihre Beziehung romantisiert – da gibt es dann erstmal einen reality check in der Geschichte, der fast ernüchternd wirkt.

Trotzdem: „Voyager“ bietet wieder all das, was wir schon aus den ersten beiden Teilen kennen: Abenteuer, geschichtlichen Hintergrund (diesmal geht es per Schiff von der Karibik nach Amerika in die Zeit der frühen Siedler), familiäre Verflechtungen, einen Haufen wiederkehrender Nebenfiguren und Überlebenskämpfe. Ein Hauch Übernatürliches kommt wieder mit dazu, und Claire bieten sich einige Möglichkeiten, ihre medizinischen Kenntnisse zu nutzen.

The next generation

Neu im „Team Fraser“ ist die heranwachsende nächste Generation: Durch den Zeitsprung von zwanzig Jahren bekommen wir es vermehrt mit Brianna zu tun, Claire und Jamie’s (halbwegs) erwachsener Tochter, sowie mit der ihr zugeteilten love interest, Roger. Ich bereite euch schon mal schonend auf die Tatsache vor, dass diese beiden Turteltäubchen im Laufe der Reihe Claire und Jamie immer mehr von der Haupttribüne verdrängen werden. Ihr gewöhnt euch also besser frühzeitig an sie.

Brianna und Roger in „Outlander“

Ich gebe zu, dass ich so meine Probleme damit habe. Roger ist ok. Mit dem komme ich klar. Ein langsam vor sich hin schwelender schottischer hunk, aus dem noch mehr werden wird. Brianna allerdings… *Augenrollen*. Sie scheint vor allem die negativen Eigenschaften ihres Vaters geerbt zu haben und geht mir bereits in Buch 3 mit ihrem kopflosen Gewese und überzogenen Drama auf die Nerven. Eine anstrengende Figur, die ich nicht wirklich ins Herz schließe.

Weitere Nebenfiguren kommen hinzu oder tauchen aus den Untiefen der Vorbände wieder auf. So unwahrscheinlich das manchmal auch sein mag, so spannend macht das doch die Sache. Die Vergrößerung des Ensembles ist teils eine gute Idee, teils eine Ablenkung vom Wesentlichen. Hier mag jeder für sich entscheiden, welche Figur er in sein Herz schließt, und welche überflüssig erscheint. Und wen man schmerzlich vermisst, weil er in einem Nebensatz vom Rand des Buches gefallen ist.

Es hat sich ausgejackt

Apropos: Auch, wenn die Einstiegsszene von „Voyager“ atmosphärisch dicht und emotional beeindruckend ist – dass Gabaldon uns direkt auf Seite 1 einen toten Black Jack Randall präsentiert und uns die finale Konfrontation mit Jamie komplett vorenthält, ist schon ein bisschen Betrug. Ich hätte das so gern gesehen, wie Jack und Jamie aufeinander prallen. Das wäre doch eine Gänsehaut-Szene gewesen. Und die Schlacht von Culloden! Die ist doch so entscheidend. Alles in Buch 2 ist darauf zugelaufen, und jetzt bekommen wir nichts davon zu sehen? Schade. Ich habe gelesen, dass das in der Verfilmung wohl etwas anders gehandhabt wird, und darauf freue ich mich sehr.

Jamie auf dem Schlachtfeld

Fische füttern und die Pest an Bord

Gut, dass sich die Geschichte nach der großen Wiedervereinigung erstmal wieder auf ihr Herz besinnt: auf Claire und Jamie. Viele, viele Kapitel spielen sich diesmal auf hoher See ab, und von Seekrankheit über Piraten bis zur Pestulenz an Bord reiht Gabaldon ein in sich abgeschlossenes Abentäuerchen ans andere. Die Verknüpfungen sind nicht immer logisch, es gibt Längen, mal zu viel Gerede, mal zu viel Hinauszögern – aber immer, wenn sich Unmut breit macht, kehrt Gabaldon wieder einen Spannungsmoment heraus oder bricht einen Konflikt zwischen wichtigen Figuren los.

Szenen einer Ehe


Einer der schönsten Aspekte der ganzen Reihe: die wachsende Beziehung zwischen Jamie und Claire. War Buch 1 ein misstrauisches, Funken sprühendes Kennenlernen und Buch 2 geprägt von Fehlentscheidungen, gegenseitiger Schuld und Vergebung, so erleben wir in Buch 3 die Fortführung. Nach der langen Trennung tasten sich Claire und Jamie langsam ab, müssen Ereignisse und Entwicklungen überwinden, die sich zwischen sie gestellt haben. Es gibt Geheimnisse und reichlich Konfliktpotential, als sie ans Tageslicht brechen.

Immer noch haben wir auf der einen Seite die selbstbewusste, moderne Claire, die sich den Mund nicht verbieten lässt; auf der anderen Seite den ritterlichen, aber traditionellen Jamie, der die Wertvorstellungen seiner Zeit an die Erwartungen einer Frau anpassen muss, die der Zeit weit voraus ist. Das ist nach wie vor interessant zu erleben, und bei aller Romantisierung der beiden Figuren (erstaunlich, auf wie viele verschiedene Arten Gabaldon Jamie’s feuerrotes Haar und Claire’s Brüste beschreiben kann) hat dieses miteinander älter werdende Ehepaar etwas sehr Autenthisches an sich und bietet in Sachen Beziehungsarbeit sogar eine Vorbildfunktion.

Stilistisch auf dem aufsteigenden Ast

Auch in Sachen Schreibstil entwickelt sich die Angelegenheit positiv: Die Beschreibungen sind atmosphärischer, feiner, stimmungsvoller. Ging Gabaldon in Band 1 noch mit dem Holzhammer ran, hält sie inzwischen schon einen groben Federhalter in der Hand. Klar, sie schwelgt in den phyisischen Beschreibungen ihrer offenbar mit Supergenen ausgestatteten, unschlagbar schönen Hauptfiguren, deren Sexappeal auch mit Ende vierzig immer noch jedes Cottage und jede Koje zum Brennen bringt. Aber dafür lieben wir diese Serie doch auch. Dass sie an genau den richtigen Stellen den Pfad des Realismus verlässt, ist ja gerade das Schöne daran. *wohliger Seufzer*

Kontroversen included

Diskussionspotential gibt es allerdings. An zwei Figuren hänge ich mich etwas auf. Da ist zunächst Jamie’s chinesischer Begleiter, der aber so etwas von einem wandelnden Klischee ist, dass es mich graust. Hinzu kommt das Label einer gewissen Perversion, und das finde ich überhaupt nicht in Ordnung, zumal besagter Chinese lebensrettende Kompetenz mit an Bord bringt.

Nach der verteufelten Darstellung von Homosexualität in Buch 1 tritt in „Voyager“ außerdem der nächste schwule Charakter auf. Zunächst rege ich mich auf, scheint es sich doch auch hier um einen Bösewicht und um eine negative Darstellung seiner sexuellen Orientierung zu handeln. Aber ich kann euch beruhigen: Gabaldon entwickelt daraus einen versöhnend positiven Handlungsstrang und eine Figur und Freundschaft, die weit über „Voyager“ hinaus reichen wird.

Jamie und John Grey in „Outlander“

Unermüdlich und mit viel Herz: Davina Porter

Als ich die englischen Hörbücher anfing, war ich zunächst nicht ganz glücklich mit der Sprecherin, Davina Porter. Ihre Stimme war mir zu alt für Claire, und sie brachte mir zu viel Humor in die Erzählung. Das hat sich inzwischen gewandelt. Irgendwann habe ich es beim Hören geschafft, mich von den Stimmen und Bildern der TV-Serie so zu lösen, dass sich Hörbuch und Verfilmung nicht mehr gegenseitig stören.
Vielleicht liegt es auch daran, dass Buch 3 ja noch keine entsprechenden TV-Bilder hat. Vielleicht auch daran, dass Claire in Buch 3 tatsächlich ca. 50 Jahre alt ist und Davina Porter’s Stimme somit besser passt. Wie auch immer: Ich habe diese Sprecherin lieben gelernt. Ihre Akzente, ihre gut intonierten französischen, kreolischen und deutschen Sprachfetzen meistert sie mit Bravour. Claire und Jamie spricht sie mit extrem viel Herz. Gerade Jamie’s brummelige Gutmütigkeit stellt sie großartig und mit überzeugend tiefer Männlichkeit dar. Wie gut, dass sie der Hörbuchreihe von Anfang bis Ende treu bleibt.

Auf zu neuen Ufern

Eigentlich war ich ja darauf gerichtet, mir nach Beendigung von „Voyager“ erstmal in Ruhe die 3. Staffel der TV-Serie anzusehen und dann irgendwann mit Buch 4, „Drums Of Autumn“, weiterzumachen. Zumal „Voyager“ nicht mit einem wirklichen Cliffhanger aufhört, hätte mir das eigentlich gelingen sollen. Aber was soll ich sagen? Ich fühle mich in der Welt von Outlander derzeit so wohl, dass ich nicht wieder daraus auftauchen möchte. Während ich das hier tippe, bin ich schon längst mit „Drums Of Autumn“ zugange und schlage mich gerade mit Claire und Jamie durch den ersten Winter in den amerikanischen Kolonien. Aber dinna fash, ihr Lieben. Irgendwann komme ich zurück. In ca. 2.700 weiteren Seiten oder 200 Hörstunden…

 

Bewertung:

Hörbuch: 8 von 10 Punkten
Sprecherin: 8 von 10 Punkten

Informationen zum Hörbuch

Titel: „Voyager“ (Outlander #3)
Autorin: Diana Gabaldon
Sprecherin: Davina Porter
Verlag: Recorded Books
erschienen: 24.01.2007
Länge: 43:51 Stunden, ungekürzt

Das Hörbuch ist als Download bei audible.de erhältlich, und zwar HIER. Es kostet im Flexi-Abo € 9,95 (regulärer Preis € 46,95). Eine Hörprobe findet ihr ebenfalls auf der Produktseite von Audible.

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