Worte malen ein Gemälde: „Das letzte Bild der Sara de Vos“

Das letzte Bild der Sara de Vos von Dominic Smith
Copyright Cover: Ullstein Verlag

Titel: Das letzte Bild der Sara de Vos
Originaltitel: The Last Painting of Sara de Vos
aus dem Englischen übersetzt von Sabine Roth
Verlag: Ullstein
erschienen: 10.03.2017
Länge: 352 Seiten, Hardcover

Inhaltsangabe:

Sara de Vos ist 1631 die erste Malerin, die in die Meistergilde in Amsterdam aufgenommen wird. 300 Jahre später ist nur noch ein einziges ihrer Gemälde erhalten. Das Bild hängt über dem Bett eines reichen, etwas ruhelosen New Yorker Anwalts. Ohne böse Absichten kopiert eine junge Australierin das Bild. Doch die Kopie wird in Umlauf gebracht, mit erschütternden Konsequenzen. Jahrzehnte später treffen die beiden Bilder, die Fälscherin und der Anwalt noch einmal aufeinander.

Zum Buch:

Bilder und Texte sind zwei so unterschiedliche Medien, dass es immer besonders faszinierend ist, wenn das eine das andere darzustellen versucht. Der in Australien geborene und in den USA lebende Dominic Smith hat in seinem Roman „Das letzte Bild der Sara de Vos“ diese Herausforderung angenommen.:

Auf verschiedenen Zeitebenen verfolgen wir die drei handelnden Personen: Marty, einen privilegierten New Yorker, der in den 50er Jahren das Bild mit dem Titel „Am Saum eines Waldes“ besitzt; Ellie, die als junge Künstlerin eine Kopie des Bildes angefertigt hat, mehr oder weniger wissend, dass sie Kunstfälschung begeht; und schließlich und ursprünglich die Niederländerin Sara de Vos, die im 17. Jahrhundert das Gemälde gemalt hat. (Die Figur ist fiktiv, beruht aber auf der realen Malerin Sarah van Baalbergen aus dieser Zeit). Der Kreis schließt sich in Australien im Jahr 2000, als die Fälschung ans Licht kommt.

Blasse Figuren, interessante Tätigkeit

Nicht alles ist perfekt an diesem Roman. Ausgerechnet Ellie, die den Angelpunkt des Romans darstellt, bleibt emotional sehr lange auf Distanz. Sie wirkt unterkühlt, oft unsympathisch. Ihr Ringen mit sich selbst, ihre Ängste ob der Entdeckung des kopierten Gemäldes berühren nicht wirklich. Erst am Ende des Buches, im Zusammenspiel mit Marty und der Suche nach Absolution, steigt Wärme in dieser Figur auf.

Was an Ellie allerdings interessant ist, ist ihre Arbeit als Kunstfälscherin. Der Prozess des Kopierens mit all seinen Finessen – Rekonstruktion alter Farbpigmente, Maltechnik, Leinwandbearbeitung, das Hineindenken in das Bild selbst – ist fesselnd, lehrreich, interessant und zieht auch Laien in den Bann.

Als Figur blass bleibt Marty, der Besitzer, übrigens ebenfalls. Eine Schwere und Dekadenz prägen den erfolgreichen New Yorker, gebeugt von seiner unzufriedenen Ehe. Auch er gewinnt erst gegen Ende, als alter Mann, an emotionaler Zugänglichkeit.

Sara, das Herz des Romans

Dennoch hat der Roman eine Figur, die sich in Herz und Hirn des Lesers hineinbrennt: Sara. Sie ist es, und ihr atmosphärisch so dicht und plastisch hinübergetragenes Lebensumfeld im Amsterdam zum „Goldenen Zeitalter“ der Malerei, die aus den Seiten herausragt und den Leser berührt. Das tut sie als starke Frauenfigur, als erste weibliche Malerin, die in die Lukasgilde aufgenommen wird, als jemand, der sich durch Unglück und Verlust und harte Zeiten kämpft und nicht aufgibt.

Vor allem ist es Sara, die „Am Saum des Waldes“ malt – ein Bild, hinter dem sich eine tragische, sehr schmerzhafte Geschichte aus ihrem Leben verbirgt. Wie sie das in der Komposition des Gemäldes, in dessen Farben, Lichteffekten und Details verarbeitet, ist von Dominic Smith gleichzeitig leise und kraftvoll geschrieben. Tatsächlich gelingt ihm hier das Meisterstück, in Worte zu übersetzen, was man sonst nur wortlos mit den Augen erfassen kann.

Bilder, Worte, Wortbilder

Smiths Beschreibungen des Gemäldes und der Szenen, Erlebnisse und Menschen, die Sara de Vos dazu inspirierten, sind der pochende Puls des Buches. Smith kreiert Sätze, für die man sonst einen Pinsel und eine ganze Farbpalette braucht. Beim Lesen erscheinen die holländischen Grachten im Kopf, das dunkle Braun der Gassen, die verwaschenen Nuancen eines trüben Tages am Strand, die Textur eines Kindermantels, das sichtbar gewordene Lodern von Schmerz. DAS ist Kunst.

Zu einem Drittel großartig

Ein bisschen seltsam ist es schon, dass „Das letzte Bild der Sara de Vos“ so unausgewogen ist, obwohl alles aus derselben Hand stammt. Dominic Smith KANN großartig schreiben. Das sieht man. Das spürt man. Allerdings gelingt das nur in außergewöhnlichem Maße, wenn sich das Geschehen dem Ursprung, der Malerin Sara zuwendet. Da scheint der Roman auf einmal zehn Treppenstufen höher zu springen. Da bekommt man als Leser einen schnelleren Herzschlag. Da fängt die Sprache an zu leuchten.

Wahrheit und Fälschung sind (nicht) die Hauptsache

Ja. Auf dem Klappentext steht, dass der Roman sich um die großen Themen Wahrheit und Lüge, Original und Fälschung, Echtheit und Falschheit dreht – nicht nur auf Bilder bezogen, sondern auch auf die Menschen. Und das ist auch ein Bogen, der die Geschichte umspannt, um am Ende befriedigend zu einer Schleife gebunden zu werden. Mag sein, dass es dem Autor um dieses Thema ging. Mag sein, dass viele Leser das als zentral ansehen.

Ein anderer Blick

Wer mich fragt, dem sage ich etwas anderes: Hier ist ein Roman, der dafür sorgt, dass man plötzlich im Museum vor Bildern steht, an denen man früher desinteressiert vorbeigegangen ist, weil sie einem nichts gesagt haben. Eine Epoche, mit der man nichts anfangen konnte. Jetzt aber sprechen diese Bilder plötzlich. Jetzt dringt Licht aus ihnen hervor. Jetzt ist es, als würde hinter der Leinwand jemand stehen, mit einem Pinsel, mit einer Geschichte, mit einem ganzen Leben.

Bewertung: 9 von 10 Punkten

Disclaimer: Ein Rezensionsexemplar (eBook) wurde mir vom Ullstein Verlag via netgalley zur Verfügung gestellt. Meine Bewertung bleibt davon unberührt.

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