Mit Bleigurt ums Leben paddeln: „Schwimmen“ von Sina Pousset

Schwimmen von Sina PoussetTitel: Schwimmen
Autor: Sina Pousset
Format: Hardcover
Verlag: Ullstein fünf
erschienen: 08.09.2017
Länge: 224 Seiten

Inhaltsangabe:

Milla und Jan kennen sich seit Kindertagen. In einem heißen Sommer fahren sie gemeinsam mit Jans Freundin Kristina ans Meer. Drei Tage lang schweben sie zwischen Angst, Liebe und Sehnsucht. Bis sich alles bei einem heftigen Gewitter katastrophal entlädt. Jan überlebt nicht. Vier Jahre später sind Milla und die kleine Emma an einem kalten Morgen durch die große Stadt unterwegs. Da findet Milla etwas, das sie an Jan erinnert und stellt sich endlich der Vergangenheit.

Zum Buch:

Kurze, komponierte Sätze umschwirren mich und lassen Bilderfolgen vor mir aufflashen. Eine Sprache, die sehr gewollt daher kommt, sehr bewusst, die aber gleichzeitig Momentaufnahme aus dem Hirn der fiktiven Erzählerin sein soll: Eine junge Frau, die durch den morgendlichen Verkehr ein kleines Mädchen in den Kindergarten bringt. Die Sätze haben Gewichte an den Beinen. Sie zerren bedeutungsvoll am Leser. Dass das hier kein leichtfüßiger Spaziergang wird, ist gleich am Anfang klar.

Sie fährt Rad und atmet und findet den Rhythmus nicht. Heute nicht. Es geht schwer, und die Leute überholen sie. Die Ampel wird rot, es strömen Menschen vorbei an den Autos, Radfahrer klingeln, ein Bus brummt hinter ihr, dahinter surrt eine Bahn. Durch die Stadt klingt der Stau.

„Schwimmen“, Sina Pousset, S.12

 

Die Autorin Sina Pousset ist noch keine dreißig Jahre alt, und eigentlich sollte man in diesem Alter noch nicht so schreiben. So viel Leben hat man da noch gar nicht hinter sich, dass man mit solch gravitätischen Sprachbildern eine derartige Seelenschwere produziert. Man sollte auch noch nicht derartig heimgesucht von Tod und psychischer Entgleisung reden wie in diesem Erstling über eine junge Frau, deren bester Freund bei einem gemeinsamen Urlaub am Meer mit dessen Freundin ums Leben kam.

Wenn ich solche Bücher anfasse, wo Jungspunde schreiben, als hätte das Leben schon seit 100 Jahren Furchen in sie gegraben, werde ich immer erst skeptisch. Das ist häufig überfrachtet, sprachlich zu erzwungen, die Geschichte künstlich in der Tiefe ausgewetzt. Kann ich dann oft nicht ernst nehmen, und auch bei „Schwimmen“ ringe ich die ersten Seiten mit mir, ob sich das nun authentisch anfühlt oder nicht.

Die Pedale reiben an Millas nackten Füßen. Sie kneift die Augen zusammen, damit sie etwas sehen kann. Jetzt kommen die Ähren, das letzte Stück Feld vor dem haus. Der Himmel öffnet sich wieder, sie sind schutzlos. Noch ein paar hundert Meter bis zur Einfahrt. Milla hört nur ihren Atem, das Donnern und den Regen, das Rattern der Kette au der unebenen Erde. Das passiert, wenn jemand an einen Ort kommt und dort nicht hingehört.

„Schwimmen“, Sina Pousset, S. 147

Aber dann erfasst mich der Lesesog. Das hat damit zu tun, dass ich mich an die Sprache gewöhne, und auch mit der Struktur des Romans. Lang ist er nicht, 224 Seiten nur, und die teilen sich zwei Zeitebenen: jeweils ein paar Tage in der Gegenwart, und ein paar in der Vergangenheit, vor vier Jahren. Damals ist etwas passiert, und Puzzleteil für Puzzleteil finden wir heraus, was. Auch die Gegenwart erklärt sich erst nach und nach. Das gibt „Schwimmen“ einen Krimicharakter, der es schwer macht, das Buch aus der Hand zu legen. Wer Zeit hat, pflügt da trotz herausfordernder Sprache in ein, zwei Tagen durch.

Obwohl ich im Buch drin bin, gestehe ich der Geschichte lange nicht die Schwere zu, die sie ausstrahlt. Ist das jetzt wirklich ein Drama um Leben und Tod, um eine Dreiecksliebe, die diese Erschütterung rechtfertigt? Diesen Meteoritenkrater, aus dem die Figuren wie Gespenster hervorgekraxelt sind und nach Jans Tod so ein fragiles Leben führen? Ist das nicht zu überhöht? Der Auslöser nicht zu banal?

Aber dann öffnet sich eine Falltür im Roman. Einerseits wirkt das wie ein deus ex machina-Kunstgriff. Andererseits ergibt jetzt Sinn, warum die Hoffnung in Hauptfigur Milla so zittrig ist. Und bei mir persönlich tritt die Autorin da eine ganz persönliche Emotionskaskade los, weil dieselbe Falltür im Leben einer Freundin von mir existiert. Puh.

Auf jeden Fall liefert Sina Pousset ab: die Enthüllung ist das ganze Daraufzuspitzen wert, die Figuren bekommen ein stimmiges Ende mit offenen Türen und genug Licht und Dunkel, um den Roman nicht plötzlich zu sehr in die Sonne zu verfrachten. Und ich kaufe Pousset die ganze Sache ab; die Sprache, das Gewicht und dass sie vermutlich schon genug in ihrem Leben gesehen hat, um diesen Roman glaubhaft zu schreiben. Oder das Talent besitzt, sich in Dinge hineinfühlen zu können, die ihr nicht passiert sind. Was auch immer: „Schwimmen“ driftet nicht an mir vorbei, sondern nimmt mich mit auf einen tiefen Tauchgang, nach dem ich erstmal nach Luft schnappe.

Fazit:

Ein kurzer, soghafter Roman in herausfordernden Sprachbildern, der einem Krimi gleich ein tragisches Ereignis enthüllt; einen tragischen Wendepunkt, der die jungen Hauptfiguren krisengeschüttelt nach einem Weg suchen lässt, um nicht unterzugehen. Modern, mit Bleigurt beschwert und sowohl sprachlich als auch inhaltlich erstaunenswert für eine so junge Autorin. Nach Niah Finniks „Fuchsteufelsstill“ ein weiterer überzeugender Roman aus dem Ullstein fünf Imprint.

Bewertung: 9 von 10 Punkten

Ein Rezensionsexemplar wurde mir vom Ullstein Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

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