Rezension: ‚Euphoria‘ von Lily King

Euphoria Lily KingTitel: Euphoria
Autorin: Lily King
Sprache: Englisch
Format: Hörbuch
Sprecher: Xe Sands, Simon Vance
Anbieter: Blackstone Audio
erschienen: 03.06.2014
Länge: 06 Std. 53 Min. (ungekürzt)

Das Hörbuch ist als Download bei audible.de erhältlich, und zwar HIER. Es kostet im Flexi-Abo € 9,95 (regulärer Preis € 18,95). Eine Hörprobe findet ihr ebenfalls auf der Produktseite von audible.

Inhalt (audible):

English anthropologist Andrew Bankson has been alone in the field for several years, studying the Kiona river tribe in the territory of New Guinea. Haunted by the memory of his brothers‘ deaths and increasingly frustrated and isolated by his research, Bankson is on the verge of suicide when a chance encounter with colleagues, the controversial Nell Stone and her wry and mercurial Australian husband, Fen, pulls him back from the brink. Nell and Fen have just fled the bloodthirsty Mumbanyo and, in spite of Nell’s poor health, are hungry for a new discovery. When Bankson finds them a new tribe nearby – the artistic, female-dominated Tam – he ignites an intellectual and romantic firestorm between the three of them that burns out of anyone’s control.

Zum Hörbuch:

Anthropologie. Eingeborenenstämme in Neu Guinea und Australien. Die 30er Jahre. Zwei Männer und eine Frau. Und zwei Sprecher, von denen ich schon lange weiß, dass sie es drauf haben: EUPHORIA, performed von Xe Sands und Simon Vance, zieht mich in den erwarteten Bann.

Beruhend auf den Forschungsreisen der berühmten Anthropologin Margaret Mead, entfaltet sich in den malariaverseuchten Tropengebieten Australiens eine langsam soghafte Dreiecksgeschichte der exotischeren Art. Hierhin zieht es die drei Hauptpersonen: die Amerikanerin Nell Stone, ihren unberechenbaren, australischen Ehemann Fen und den lebensmüden Briten Bankson. Letzteren zieht eine Begegnung mit der klugen, ebenso starken wie zerbrechlichen Nell aus einem psychischen Loch heraus, das erst viel später im Roman erklärbar wird. Passend zum Thema der Anthropologie hat es mit der Vergangenheit, mit Bankson’s Wurzeln und menschlichen Verknüpfungen zu tun.

Gerade noch einem blutrünstigen Stamm entkommen, landen Nell und Fen bei den Tam, einem durch die Frauen definierten, friedliebenden Stamm mit intensivem Gemeinschaftsleben. Hier werden wir Zeuge von Nell’s anthropologischer Arbeit, die in prä-digitalen Zeiten vor allem aus der ursprünglichen Version des ’networking‘ besteht: sich in eine community einfühlen; lernen, ihre Sprache zu sprechen; ihren Ritualen zu folgen; in Krisen füreinander da zu sein; die Erkenntnisse mit Stift und Papier festzuhalten. Mit ihrer Wärme, aufrichtigen Nähe und Leidenschaft für ihre Arbeit integriert sich Nell immer nahtloser in die Tam, ihre Beobachtungen werden in der Heimat mit Anerkennung belohnt, während Fen mit den Erfolgen seiner Frau nicht mithalten kann.

Eine weitere Komplikation: Bankson. Dessen Besuche bei den Tam und Bewunderung für Nell, aber auch Freundschaft zu Fen münden in einer delirösen Dreiecksaffaire, die so fiebrig und ursprünglich erscheint wie Bankson’s Malaria-Halluzinationen. Es geht dabei nicht Schlag auf Schlag: Das Erzähltempo, die Handlung, die nur punktuell explizite Erotik entwickeln eine eher unterschwellige Dramatik. King lässt sich viel Zeit, um die Lebensart der Tam und Nell’s Arbeit ruhig und ausgiebig zu beschreiben. Das kann man langweilig finden. Man kann aber auch daraus lernen und – wie ich – begeistert auf den ‚Kompass‘ der menschlichen Naturen anspringen, den Nell und ihre Kollegen in einem Augenblick der Epiphanie entwickeln: In ihm sind die unterschiedlichen Mentalitäten auf unserem Globus definiert, von kriegerisch bis pazifistisch, von gefühlsbetont bis kopfgesteuert… Charakteristika, in die ganze Völker, aber auch einzelne Personen einsortierbar sind. Spannende Erkenntnisse, und eine absolute Daseinsberechtigung für das oft belächelte Lehrgebiet der Anthropologie.

Das Ende des Romans ist weniger spannungsgeladen als von konsequenter, wenn auch abrupter Tragik besetzt. Was so spürbar fatal beginnt, in dieser feucht-heißen, abgelegenen, ursprünglichen Enklave, mit diesen leidenschaftlichen Menschen, kann am Ende nicht gut ausgehen.

Zu den Sprechern:

EUPHORIA gehört hoch verdient zu den Nominierten für die Audie Awards 2015: Das Hörbuch vereint die sinnlich-fragile Intensität von Xe Sands mit der punktgenauen, klassisch anmutenden Vortragsart von Simon Vance. Erstere Amerikanerin, letzterer Engländer, könnten zwei Stimmen nicht unterschiedlicher sein – und ergänzen sich genau deshalb so unglaublich gut. Vance wirkt als Bankson brütend, vertieft, magisch hingezogen zum Objekt seiner Leidenschaft. In Fen’s Dialogen zeigt sich Vance dagegen von einer erstaunlich wilden, unbeugsamen Seite, hört sich an wie schimmerndes Quecksilber. Xe schafft es, zugleich stark und zerbrechlich zu wirken, sehr weiblich, sowohl im mütterlichen wie im verführerischen Sinne. Trotzdem hören sich Bankson und Fen aus ihrem Munde männlich und markant an.
Die Auswahl dieser beiden Sprecher war ein Geniestreich. Die Kombination ihrer Stimmen ist einfach exquisit.

Sprecherin Xe Sands war so freundlich, mir ein ein paar Fragen zu EUPHORIA und zu ihrem Beruf als Hörbuchsprecherin zu beantworten. Hier geht es direkt zum Interview.

Fazit:

Ein exotischer, lehrreicher, sinnlicher Roman über Passion, Forschung, Besessenheit und zu den Ursprüngen zurückgeführtes Menschsein. In der schwülen Hitze Australiens verlieren sich drei komplett verschiedene Anthropologen in ihren Leidenschaften und Begierden. Einerseits Liebesgeschichte, andererseits detailreiche Veranschaulichung der Arbeitsmethoden von Real-Vorbild Margaret Mead, ist dieser Roman der leise anschwellenden Dramatik etwas Ausgefallenes für Leser mit Lust am Thema und der Fähigkeit, sich langsam aber sicher vereinnahmen zu lassen.

Bewertung:

Hörbuch: 9 von 10 Punkten
Sprecher: 10 von 10 Punkten

Hier geht es direkt zum Intervie mit Xe Sands

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