Rezension: ‚Mr. Mercedes‘ von Stephen King

mr mercedesTitel: ‚Mr. Mercedes: A Novel‘
dt. Titel: ‚Mr. Mercedes: Roman‘, erscheint am 8. September 2014
Autor: Stephen King
Sprache: Amerikanisch
Format: Hörbuch
Sprecher: Will Patton
Anbieter: Simon & Schuster Audio
erschienen: 3. Juni 2014
Länge: 14 Std 22 min (ungekürzt)

Das Hörbuch ist im Download bei audible.de erhältlich, und zwar HIER. Es kostet im Flexi-Abo € 9,95 oder 1 Guthaben (regulärer Preis € 24,95).

Beschreibung (audible):

In the frigid pre-dawn hours, in a distressed Midwestern city, hundreds of desperate unemployed folks are lined up for a spot at a job fair. Without warning, a lone driver plows through the crowd in a stolen Mercedes, running over the innocent, backing up, and charging again. Eight people are killed; fifteen are wounded. The killer escapes. Mr. Mercedes is a war between good and evil, from the master of suspense whose insight into the mind of this obsessed, insane killer is chilling and unforgettable.

Zum Hörbuch:

Stephen King ist in unseren Köpfen fest als Horror-Autor abgespeichert. Dass er auch anders kann, hat er inzwischen mehrfach bewiesen – zuletzt in seinem nostalgisch-melancholischen Entwicklungsroman ‚Joyland‘. Mit seinem Neuling ‚Mr. Mercedes‘ leuchtet King eine weitere schriftstellerische Facette aus: Es ist sein erster Versuch an einem Detektiv-Thriller.

Was schon mal gut funktioniert, und was King schon immer gut konnte, ist das Erschaffen markanter Hauptfiguren. Allen voran Bill ‚Kermit‘ Hodges, ein pensionierter Polizeibeamter, den der Ruhestand in lebensmüde Lethargie hat sinken lassen. Um diesen etwas schroffen aber gutherzigen Ex-Cop aus seiner alkoholgetränkten Starre zu erwecken, braucht es einen Killer – eben jenen titelgebenden Mr. Mercedes.

Womit wir die zweite Erzählperspektive und Hauptfigur hätten. Mr. Mercedes, der mit seinem Truck ein Grüppchen Arbeitssuchende einfach umgemäht hat, reiht sich nahtlos (und ebenso leicht klischeehaft wie Hodges) ein in die Reihe kranker mordender Muttersöhnchen. Das ist nicht neu, aber man muss King zugestehen, dass er sich redlich müht, den Weg von einer problematischen Kindheit bis hin zum gegenwärtigen Killer nachvollziehbar zu machen.

Der Klappentext verheißt Rasanz, aber die sollte man nicht erwarten. Zwar zieht die Geschichte im Verlauf ganz allmählich an, aber von sich überschlagenden Ereignissen und plötzlichen Wendungen kann – bis auf eine Ausnahme – nicht die Rede sein. Eigentlich geht die Geschichte einen geradlinigen Gang mit wenigen Überraschungen, und Hodges Ermittlungen im ersten Drittel entwickeln sogar Längen.

Dafür stellt King dem Ex-Cop weitere sympathische und etwas skurrile Figuren zur Seite: Da haben wir den cleveren, afro-amerikanischen Sohn-Ersatz Jerome als Sidekick; und den psychisch kranken Computer-Whizard Holly, die mit Anfang 40 noch bei ihren Eltern lebt. Beide müssen über sich hinauswachsen, ein Stück erwachsener werden und dabei Hodges die fehlende Familie ersetzen.

Schön ist die kleine Liebesgeschichte, die King als eine Art ‚Herbsterwachen‘ für Hodges einbaut. Der alte Haudegen blüht noch einmal auf unter den Fittichen einer selbstbewussten schönen Frau. Die zart wachsende Dynamik zwischen den beiden, das Knistern gehören mit zu den besten Seiten dieses Romans und beweisen wieder einmal King’s Talent für seine Figurenführung.

Ein bisschen Horror muss übrigens auch sein. Eine quälende und grausame Todesszene sorgt mitten in der gemächlichen Geschichte für Gänsehaut, Ekel und plötzliches Aufhorchen. Tut der Sache gut.

Was übrigens auch gut tut und zum Schmunzeln bringt, sind die eingestreuten Erwähnungen anderer Ermittler und Killer: Sherlock Holmes und Doktor Watson erweist King ebenso Referenz wie dem Serienkiller ‚Dexter‘ und seinem eigenen legendären Alptraumwesen ‚Pennywise‘. Hört mal genau hin, dann findet ihr noch ein, zwei weitere Shoutouts.

Zum Sprecher:

Eigentlich gehört zu Stephen King Hörbüchern ja der deutsche Sprecher David Nathan. Diesmal wollte ich allerdings nicht so lange warten. Und vieles spricht für den amerikanischen Sprecher dieser Version: Ich kenne Will Patton nicht nur als Schauspieler (’24‘ Staffel 7, ‚Falling Skies‘), sondern habe ihn auch schon in ‚Alas, Babylon‘ genießen können, für das er einen Audie Award gewann. Auch dieses Jahr hat er mit seiner Interpretation von ‚Doctor Sleep‘ einen Audie abgeräumt.

Trotz dieser Vorschusslorbeeren brauche ich eine Weile, um David Nathan abzuschütteln. Patton liest ganz anders. Während Nathan mit subtilen Nuancen arbeitet, legt sich Patton raubeinig und knarzig nuschelnd ganz in die stimmliche Verkörperung der Hauptfigur. Das macht er gut. Genau so würde sich Hodges anhören. Und nach dem Einhören versteht man Patton’s bärbeißiges Geraune auch gut. Klar, dass er als erfahrener Schauspieler auch Jerome’s ’schwarze‘ Stimme gut hinbekommt und Holly’s schleppende, medikamentierte Ausdrucksweise.

Ein Vergleich mit David Nathan hinkt, aber ihr wollt bestimmt wissen, wer mir am Ende besser gefällt als King-Sprecher. Die Antwort: keiner. Will Patton ist großartig in der Figuren-Interpretation. Nathan dagegen ist ein Meister der stimmlichen Atmosphäre. Dieses Duell geht unentschieden aus.

Fazit:

Stephen King hat einen linearen, gemächlichen Detektiv-Thriller geschrieben, der braucht, um Fahrt aufzunehmen. Eher klassisch steuert King seinen pensionierten Helden samt sympathisch-skurriler Mitstreiter durch eine Mordermittlung. Es gibt ein, zwei aufrüttelnde Schockmomente, die Wind in die Sache bringen. Es gibt einen gestörten Mörder, der uns so ähnlich schon öfters untergekommen ist. Und es gibt einen ebenfalls klassisch anmutenden Showdown, der spannend ist, aber eigentlich zu genau dem Ende führt, das man erwarten kann.

Alles in allem ein guter Ausflug King’s ins Thriller-Genre, mit dem er sich nicht verstecken muss. Aber man muss auch klar sagen, dass er schon Sachen geschrieben hat, die einen mehr vom Hocker reißen.

Bewertung:

Hörbuch (Geschichte, Figuren, Stil): 6 von 10 Punkten

Sprecher: 8 von 10 Punkten

Weitere Rezensionen zu Büchern von Stephen King:

Doctor Sleep

Es

Joyland

Shining

Todesmarsch

 

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2 Gedanken zu “Rezension: ‚Mr. Mercedes‘ von Stephen King

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